Um die Zulässigkeit "verbrauchender Embryonenforschung" soll offen und argumentativ debattiert werden. Der apodiktische Ton freilich, mit dem manche Kritiker diejenigen abkanzeln, die ihre Ansichten nicht teilen, verträgt sich damit nicht gut. Es ist bedrückend, wenn etwa behauptet wird, Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin sei moralisch untragbar (FAZ), oder das Britische Ober- wie Unterhaus hätten sich "ins Abseits der europäischen Wertegemeinschaft" katapultiert (Abgeordneter Hubert Hüppe). Worauf gründet die moralische Entrüstung, mit der man Andersdenkenden da begegnet?

Begründete Urteile über den angemessenen Umgang mit Menschenembryonen setzen eine Antwort auf die Frage nach deren "moralischem Status" voraus: Haben sie einen moralischen Anspruch auf Lebensschutz? Um ihrer selbst willen? Im selben Ausmaß wie geborene Menschen? Hierauf zu antworten ist unerlässlich, wenn die moralische Beurteilung von Abtreibungen zur Rede steht - und ebenso, wenn es um die Bewertung von Embryonenforschung geht. Gewiss wären weitere Überlegungen hinsichtich der sozialen und individuellen Auswirkungen möglicher Eingriffe und Forschungsvorhaben nötig, bevor man apokalyptische Szenarien entwirft. Doch die "Statusfrage" ist gesondert und vorrangig zu behandeln.

Fakten und Beschreibungen. Kein embryologisches Tatsachenwissen kann als solches die "Statusfragen" beantworten. Wohl aber wecken die Bilder und Begriffe, mit denen wir uns auf Embryonen beziehen, emotionale und moralische Assoziationen, die einer unvoreingenommenen Untersuchung hinderlich sein können. Nach geltender Definition ist jede Zelle oder Zellformation, die sich zu einem menschlichen Organismus entwickeln kann, ein Embryo. Während nun die oben stehende Leonardo-Vignette einen voll entwickelten Winzling zeigt, der längst empfindungsfähig wäre und Assoziationen von Wiege und Windeln weckt, geht es der Stammzellforschung um Embryonen in ihren ersten Entwicklungstagen. Diese hätten sich bei einem natürlichen Fortpflanzungsprozess noch nicht in die Gebärmutterschleimhaut einnisten können, bestehen aus etwa hundert noch undifferenzierten Zellen und sind kleiner als der Punkt, der diesen Satz beendet. Von außen keine Menschenähnlichkeit, von innen keine Empfindungsfähigkeit: Das entscheidet, wie gesagt, noch nicht über den Lebensschutz, der dieser Entität zukäme. Aber es bremst vorschnelle Intuitionen.

Einige Fakten noch aus der gegenwärtig diskutierten Forschung: Ihr Interesse richtet sich auf die Gewinnung undifferenzierter Zellen aus frühen extrakorporalen Embryonen, die dabei die Chance verlören, sich weiterzuentwickeln. Frühe extrakorporale Embryonen können "übrig" bleiben bei dem Versuch, eine Schwangerschaft künstlich herbeizuführen (was in Deutschland gesetzlich weitgehend verhindert wird). Oder sie könnten (gesetzlich verboten) zweckbestimmt als "Forschungsembryonen" erzeugt werden - sei es durch künstliche Befruchtung oder ungeschlechtlich mithilfe der "Dollytechnik". Die letzte Variante - das so genannte therapeutische Klonen - würde also nicht, wie viele meinen, eine Hundertschaft von genetisch identischen Winzlingen, sondern aus der Körperzelle eines Erwachsenen einen einzigen Frühembryo herstellen, der dann der Stammzellgewinnung zu dienen hätte - und dabei kein entwicklungsfähiger Embryo mehr bliebe.

Ob die Hoffnungen, mithilfe von Stammzellen die Möglichkeiten des therapeutischen Zell- und Gewebeersatzes zu revolutionieren, auch ohne Embryonalzellen, mithilfe der Stammzellen von Erwachsenen, erfüllt werden könnten, ist umstritten. Doch würde der vielleicht nur vorübergehende embryonale Weg den Erkenntnisprozess zumindest beschleunigen, wenn nicht überhaupt erst ermöglichen. Angesichts der zahlreichen verheerenden Krankheiten, um deren Linderung es ginge, ist das Anlass genug, die Statusfrage zu stellen.

Menschenwürde. Die Frage, ob dem Embryo Menschenwürde zukommt oder nicht, ist dabei nicht primär. Sie kann angesichts unterschiedlicher Begriffe von Menschenwürde geradezu irreführend sein. Zwei Begriffsverwendungen müssen klar getrennt werden. Im ersten Fall beinhaltet Menschenwürde den kompromisslosen Lebensschutz ihrer Träger um deren eigener Subjektivität willen. In dieser Bedeutung spricht das Bundesverfassungsgericht oder Robert Spaemann schon dem einzelligen Embryo Menschenwürde zu und sprechen viele philosophische Ethiker sie ihm ab.

Daneben findet ein alltagsethischer Begriff von Menschenwürde Verwendung, den auch Befürworter einer kontrollierten Embryonenforschung dem Embryo nicht absprechen müssten. Hier kann der im Normalfall für richtig gehaltene Lebensschutz preisgegeben werden, wenn hochrangige andere Güter dafür sprechen. In dieser Bedeutung gehört, vor aller normativen Ausbuchstabierung, die Zuschreibung von Menschenwürde auch an menschliche Embryonen (in hartem Kontrast zu gleich weit entwickelten Hühnerembryonen) doch zum Kernbestand moralischer Intuitionen. Auch diese Auffassung sieht sich durchaus auf dem Boden des Grundgesetzes - nur eben nicht in Einklang mit dessen Interpretation durch das Bundesverfassungsgericht. Auf ein mangelndes Auseinanderhalten dieser beiden Begriffe von Menschenwürde lässt sich ein Teil der Empörung zurückführen. Otfried Höffes Frage, ob es nicht besser sei, "die Kontroverse vom unmittelbar einschlägigen Prinzip, dem Schutz des menschlichen Lebens, aus, zu führen", wird man daher vernünftigerweise bejahen.