Dass man für erfolgreiche Investitionen an der Börse stets ein wenig Schwein haben muss, ist eine Volksweisheit. Dass man Schweine auch an der Börse handeln kann, war dagegen hierzulande bislang kaum bekannt. Die 1998 eröffnete Warenterminbörse in Hannover (WTB) arbeitet nach dem Vorbild der berühmten Terminbörsen Chicago Board of Trade und Chicago Mercantile Exchange, an denen Milliardenwerte in Orangensaft, Rind- und Schweinefleisch, Weizen und Soja gehandelt werden. In Hannover stehen Kartoffeln, Raps und Weizen auf dem Kurszettel - und eben Schweine. Doch anders als an den großen Börsen in den USA schwächelte in Niedersachsen das Geschäft lange Zeit. Niemand wollte Termingeschäfte mit Getreide oder Knollen machen, wo doch High-Tech-Aktien gefragt waren. Kaum jemand wollte auf den künftigen Schweinepreis spekulieren, wo der Neue Markt doch exorbitante Gewinne versprach. Dann kam BSE. Und mit der Rinderkrise der Aufschwung der WTB.

Nachdem am Nachmittag des 24. November 2000 die ersten Nachrichten über Rinderwahnsinn in Schleswig-Holstein die Runde machten, stieg der Terminkontrakt für Januar um mehr als 10 Euro je 100 Kilo. Ein spekulativer Käufer habe schnell 100 Prozent Gewinn machen können, frohlockte das Terminmarkt Magazin. Tatsächlich ist die WTB (Eigenwerbung: "Viel Schwein an der Börse" und "Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln") ein Gewinner der BSE-Krise: Im Januar wurden erstmals mehr als 5000 Kontrakte im Monat gehandelt - im Vergleich zum Vorjahresmonat eine Steigerung um fast 40 Prozent. Viel Arbeit für die Mitarbeiter an den Monitoren, die den Handel an der Computerbörse kontrollieren.

Einer der neuerdings Vielbeschäftigten ist Roman Contenius. Gern erklärt er unbedarften Besuchern, was sie unter einem Kontrakt des Schweine-Futures zu verstehen haben: "Ein Kontrakt über lebende Schweine mit 8000 Kilo Schlachtgewicht entspricht ziemlich genau einem doppelstöckigen Schweinelaster ohne Anhänger", sagt Contenius dann. Das heißt: Fast 52 000 Laster voll ängstlich quiekender Tiere wären seit April 1998 allein wegen des Handels an der WTB durch die Republik gegondelt - wenn es denn tatsächlich zur physischen Lieferung gekommen wäre.

Der eigentliche Zweck solcher Termingeschäfte ist nämlich nicht die Lieferung lebender Schweine. Es geht den Akteuren vielmehr darum, sich für die Zukunft bestimmte Preise zu sichern. Und das funktioniert so: Befürchtet ein Schweinemäster, dass der Preis für seine aktuelle Ferkelzucht im Mai zu Beginn der Grillsaison fallen könnte, verkauft er in Hannover einen Future mit Fälligkeit Mai, etwa zum Kurs von 1,86 Euro je Kilo. Fallen die Schweinepreise bis zum Schlachtzeitpunkt unter diese Marke, ist er fein raus: Durch sein Termingeschäft wurde bereits im Februar der höhere Abnahmepreis garantiert. Der Käufer eines Futures, etwa ein Fleischverarbeiter, erwartet genau das Gegenteil, nämlich steigende Schweinepreise. Er sichert sich mit dem Termingeschäft also günstige Einkaufspreise. Ob sich nun die Erwartungen des Käufers oder des Verkäufers erfüllen, kann niemand vorher wissen, aber beide haben sich durch das Terminmarktgeschäft erst mal Kalkulationssicherheit verschafft. Hedging nennen Börsenprofis diese Art der Absicherung.

Der Borstenvieh-Future kostet so viel wie eine große Grillparty

Das Praktische dabei: Kein einziges Mastschwein muss wirklich den Besitzer wechseln. Stattdessen wird mit den Kontrakten gehandelt. Steigt der Schweinepreis tatsächlich, hat der Fleischverarbeiter, der einen Future kaufte, Glück: Sein Kontrakt, mit dem er sich günstige Preise sicherte, ist dann mehr wert. Also wird er den Kontrakt teuer verkaufen - und damit sein Geschäft "glatt stellen". Was bleibt, ist ein schöner Gewinn.

Wer mit Futures handelt, muss nicht die Kosten für 8000 Kilo Schweinefleisch berappen, sondern bloß einen Bruchteil des Preises locker machen - ungefähr die Ausgaben für eine größere Grillparty. Diese als Initial Margin bezeichnete Summe wird beim Abschluss des Geschäfts fällig. Danach führt die von der WTB beauftragte Clearing-Bank börsentäglich eine Neubewertung des Kontraktes durch. Steigt der Kurs, wird dem Konto des Käufers bei der Clearing-Bank der entsprechende Betrag gutgeschrieben. Fällt er stark, veranlasst das Institut einen so genannten Margin Call, und der Käufer muss Geld nachschießen. Der tatsächliche Gesamtwert eines Kontraktes wird erst dann fällig, wenn die Akteure nicht rechtzeitig vor dessen Auslaufen ein Gegenengagement eingehen. Nur dann sind sie zur Lieferung beziehungsweise Abnahme der Schweine verpflichtet.