Seit Stunden weint Daniel, dann erbricht er mehrmals. Die verzweifelte Mutter bringt ihn zur Kinderärztin. Vorsichtig tastet sie den Bauch ab, dann holt sie das Ultraschallgerät. "Daniels Darm hat sich ineinander gestülpt", erklärt sie, der Junge muss sofort in die Kinderklinik. Zwei Tage später wird er geheilt entlassen.

Der fast gleichaltrige Alexander landet mit ähnlichen Symptomen wie Daniel in einer allgemeinen Notfallpraxis. Der Arzt beruhigt die Eltern, rät zu Wärmflasche und Fencheltee. 24 Stunden später ist Blut in der Windel. Der Junge wird sofort operiert, Chirurgen entfernen ein Stück seines Darms. Fast drei Wochen liegt er im Krankenhaus.

Auch der beste Arzt stellt falsche Diagnosen. Bei Alexander hätte ein Pädiater ebenfalls versagen können, allerdings mit geringerer Wahrscheinlichkeit. Kinderärzte kennen sich nun mal am besten mit Kindern aus. Doch das kümmert die Gesundheitspolitik nicht, sie drängt die Pädiater in die Bedeutungslosigkeit. Künftig sollen Allgemeinmediziner verstärkt Kinder betreuen. "Hier findet ein gefährlicher Verdrängungsprozess statt", warnt Klaus Gritz, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte.

Die Erosion seiner Zunft verläuft an mehreren Fronten: Sie ist augenfällig beim drastischen Bettenabbau in den Kinderkliniken. Dort droht weiterer Spardruck mit der Einführung neuer Fallpauschalen. Schleichend verläuft der Pädiaterschwund in der Ausbildung. Erstens verschwinden mit den Klinikbetten auch Weiterbildungsstellen. Zweitens subventioniert die Bundesregierung kräftig die Fortbildung (konkurrierender) Allgemeinmediziner, Jungpädiater haben das Nachsehen. "Ab 2003 halbiert sich die Zahl der neuen Fachärzte", prognostiziert Gritz.

Dabei fehlen bereits jetzt schon vielerorts Kinderärzte. "Wir können den Bedarf nicht überall decken", sagt Günter Mau, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin. Allerdings sieht er auch keine Probleme, "wenn sich ein gut ausgebildeter Allgemeinmediziner um die Kinder kümmert".

Für einen Hausbesuch erhält der Pädiater gerade 40 Mark

Ist also der Hausarzt plötzlich gut genug, wenn Spezialisten fehlen? "Manchmal habe ich den Eindruck, es geht den Kinderärzten um ein Monopol. Aber wenn wir mitten in der Nacht den Notdienst leisten, haben sie nichts dagegen", spottet Klaus-Dieter Kossow, Vorsitzender des Hausärzteverbandes. Allerdings gehe es ihm nicht um die Konkurrenz zwischen den Fachgruppen - er zweifle nicht an der besseren Qualifikation der Kinderärzte. Vielmehr sollten die Allgemeinmediziner so ausgebildet werden, dass sie gefährliche Erkrankungen bei Kindern sicher diagnostizieren.