Die Tragweite dieser romantischen Geste können nur Ärzte würdigen. Ihnen hat die Medizin als besondere Strafarbeit den Arztbrief an den Hausarzt beschert: zu schreiben nach getaner Arbeit am Patienten, bei dessen Entlassung aus dem Krankenhaus. Landauf, landab sitzen Ärzte an ihren Diktafonen. Abends, an Wochenenden, im Urlaub. Manchmal stapeln sich 20, 30 Akten in ihrem Arztzimmer. Der Hausarzt drängelt, der Chef mosert, nach jeder Entlassung muss aus den Kurven, Listen und Befunden von Wochen das Wesentliche extrahiert werden. Wenn es etwas gibt, für das man die Mediziner bemitleiden sollte, dann dies.

Im Umgang mit dem Arztbrief offenbart sich aber auch die Ineffizienz des Gesundheitssystems. Deutsche Arztbriefe wurden bisweilen erst nach einem Jahr diktiert, Patienten waren bereits verstorben - so geschehen vor einiger Zeit in Hamburg. Einige Monate Auslieferzeit sind keine Seltenheit. Nur handelt es sich nicht um Postkarten. Der Inhalt ist essenziell. Welche Krankheit, fragt sich der wartende Hausarzt, haben die Kollegen im Krankenhaus diagnostiziert? Welche alternativen Möglichkeiten erwogen, welche Medikamente verabreicht? Gab es Zwischenfälle? Fürs Gröbste bekommt der Hausarzt einen Kurzbrief, die Langversion folgt.

Dass es oft so lange dauert, liegt nicht nur an schlecht organisierten Doktoren. Selbst der Profi braucht, wenn es gut läuft, zehn Minuten pro Fall. Nur ein Todesfall ist bereits in gut zwei Minuten aktenkundig und damit - keiner wird's zugeben - eine Erleichterung.

Die Effizienz ließe sich steigern. Etwa durch gut funktionierende EDV anstelle der antiquierten Diktattechnik. Noch immer murmelt der Assistenzarzt den Befund der Magen-Darm-Spiegelung oder sein abschließendes Resümee ins Mikrofon. Das Band geht ins Sekretariat. Und was für Fehler sich auf diesem Postweg einschleichen! In einem Möllner Entlassungsschreiben war anstelle der "luftgefüllten" von einer "lustgefüllten Gallenblase" die Rede. Oder es hieß "konservativ behandelte Holzbeinfraktur" statt "Kreuzbeinfraktur". Ein Hausarzt staunte darüber, dass sein Patient im "eigenen Magen" angereist sein soll - gemeint war, dass dieser bei Aufnahme noch mobil war.