Erst fiel Schnee, viel Schnee; in mancher Talschaft Graubündens wurden 150 Zentimeter Neuschnee gemessen. Dann blies der Wind, Nord, Nordwest, West, kräftig bis stürmisch. Und dann, nach einer langen Schlechtwetterperiode, kam die Sonne. Es war Kaiserwetter an diesem Montag, den 21. Februar 2000, und die Alpenwelt um Davos muss so magisch angemutet haben wie in Thomas Manns Zauberberg. Und so verhängnisvoll.

Sonntag, 20. Februar, 17.00 Uhr. Erhebliche Lawinengefahr. Außerhalb gesicherter Gebiete Zurückhaltung geboten. Die vier jungen Burschen aus Genf, die tags darauf mit der Standseilbahn von Davos hinaufrattern zum Weiß-fluhjoch, hätten es im Bulletin Nummer 99 des Eidgenössischen Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) nachlesen können. Aber wer liest schon, wenn gleißende Prachthänge den ultimativen Kick versprechen? Wedeln durch jungfräuliches Weiß! Pulver! Abenteuer! Fun!

"Wir wussten, dass da einiges auf uns zukommt", sagt Frank Tschirky. "Es war nur eine Frage der Zeit." Der Bergführer hat ein besonders feines Gespür für Schnee; er arbeitet als Lawinenprognostiker beim SLF in Davos. Am Katastrophentag hatte er Bereitschaft.

Gegen Mittag kraxeln die vier Männer - zwei Skifahrer, zwei Snowboarder - auf den Felsengrat, der das Weißfluhjoch mit dem Salezer Horn verbindet. Vor ihnen liegen steile, verwehte Rinnen, die ins Meierhofer Tälli münden. Geiler Tiefschnee, butterweich, unberührt, unwiderstehlich. Es war eine klassische Lawinenexposition: Nordostlage, kammnah, schattseitig, gefüllt mit frischem Triebschnee, 40 Grad Neigungswinkel. "Das hat ihnen sechs, sieben Schwünge gebracht." Und drei Menschen das Leben gekostet.

Um 12.07 Uhr löst einer der Sportler am Ende der Felsrinnen ein Schneebrett aus. Es begräbt zwei seiner Begleiter und zwei deutsche Urlauber, Vater und Sohn, die unten im Hang einen verlorenen Ski suchen. Kurz nach 13 Uhr schrillt Tschirkys Telefon. Lawine auf der Parsenn, mehrere Verschüttete. An diesem Nachmittag wird er den Hörer nicht mehr aus der Hand legen. Kantonspolizei, Presse, Angehörige. "Da weiß man oft nicht mehr, was man sagen soll."

Frank Tschirky beschäftigt das Unglück seit elf Monaten - er verfasst den Bericht über seinen Hergang. Der Mann kennt jede Mulde, jeden Buckel im Hang. Und besteht dennoch darauf, dass wir ihn nur mit aktiviertem Lawinenpieps erkunden. "Man muss Respekt haben vor dem Berg." Die gelb-schwarzen Warnwimpel sind im Schneetreiben kaum zu erkennen. Wir gleiten durch eine Lücke im Sperrseil, das die präparierte Piste vom offenen Gelände trennt. Schweres, nasses Material, eine tückische Abfahrt. Wir ziehen weite Bögen durch ein Schneebrockenfeld - den Kegel der jüngsten Lawine.

Nervenkitzel abseits der Pisten