Redakteure versenken" - so nennen Journalisten des Mitteldeutschen Rundfunks in Leipzig und Halle, was seit einigen Wochen in ihren Funkhäusern vor sich geht: Ein MDR-Mitarbeiter nach dem anderen wird als ehemaliger Stasi-Spitzel enttarnt. Immer wieder nennen Zeitungen Namen von Sendermitarbeitern wie Kästchenkoordinaten: Treffer, versenkt! Weil der Enthüllungsdruck hoch ist, offenbaren sich manche inzwischen selbst. Erst am Montag gab Nachmittagsmoderator Oliver Nix Verbindungen zur Staatssicherheit zu.

Es ist wie in den ersten Jahren nach der Wende, als reihenweise Spitzel aufflogen - nur dass inzwischen elf Jahre vergangen sind, seit die Stasi-Zentralen gestürmt wurden. Dass man sich beim MDR im Jahre 2001 in dieser misslichen Lage befindet, ist die Folge eines bösen Irrtums: Man hat geglaubt, das Erbe der Stasi senderintern, hinter verschlossenen Türen und mit großer Bereitschaft zur Nachsicht überwinden zu können. Das war doppelt falsch: Im Umgang mit den Stasi-Akten, so zeigt sich heute, bringt nur die konsequente Prüfung des Einzelfalls verbunden mit absoluter Transparenz die innig ersehnte Befreiung von der Vergangenheit.

"Dass keine Debatte geführt wurde, ist ein schwerer Fehler, der uns jetzt auf die Füße fällt", sagt Adelheid Scholz. Sie ist Chefin des MDR-Personalrats und organisiert jetzt für die Mitarbeiter Veranstaltungen, auf denen die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nachgeholt werden soll. Scholz war bei Radio DDR Umweltredakteurin. Sonst nichts. "Ich war kein IM." Sie sagt das gleich am Anfang. In diesen Tagen der Ungewissheit soll jeder wissen, woran er bei ihr ist. "Eigentlich war es nie so richtig Thema", sagt Scholz. Sie erzählt vom Jahr 1990, als plötzlich zehn Mitarbeiter aus ihrem Funkhaus verschwanden. Sie hat sich schon gedacht, dass deren Verbindungen zur Stasi der Grund dafür waren. Als ab 1991 der MDR aufgebaut wurde, haben sich alle in die Arbeit gestürzt. Den meisten war es ganz recht, dass die Stasi-Überprüfungen diskret vor sich gingen. Es gab einen Rundfunkratsausschuss, der Akten sichtete, Gespräche führte und Empfehlungen an den Intendanten aussprach. Der Ausschuss tagte hinter verschlossenen Türen. Über seine Ergebnisse wurde geschwiegen. Alle Beteiligten hielten das für das Beste. Niemand dachte an das Stasi-Unterlagengesetz, in dem steht, dass Journalisten und Forscher ganz einfach bei der Gauck-Behörde Unterlagen zu jedem MfS-Mitarbeiter bestellen können. Und zwar noch Jahre später.

Auch Literaturredakteur Michael Hametner saß 1994 vor dem Ausschuss. Zwei Rundfunkräte konfrontierten ihn mit seiner Stasi-Akte, mit jenem Lebensabschnitt, den er immer so fest verschlossen gehalten hatte. "Ich begegnete mir selbst im Rückspiegel. Das hat weh getan." Heute fragt er sich, ob er über dieses Gespräch nicht besser mal öffentlich berichtet hätte. Aber er schwieg. Er hat seine Stasi-Tätigkeit nicht einmal seiner Familie anvertraut. Sogar als im vorigen Oktober die ersten Stasi-Fälle beim MDR bekannt wurden, blieb er stumm. Er sagte auch nichts, als er Alexander Osang in der Sendung hatte. Der stellte gerade seinen neuen Roman vor, in dem ein Journalist zu Unrecht als Stasi-Spitzel verdächtigt und gejagt wird. "Ich dachte, das ist eine Geschichte, wie ich sie selbst nicht erleben wollte."

2000 Mitarbeiter werden von der Gauck-Behörde überprüft

Die Geschichte, die Hametners Akte erzählt, ist voll von Widersprüchen. Zunächst folgte er dem Weg der Stasi, aber dann sträubte er sich wieder. 1968 wirbt ihn die Stasi in Rostock an. Sie interessiert sich für den 18-Jährigen, weil er wie sein Vater einen österreichischen Pass hat. Die "Perspektive" ist, so steht es in der Akte, ihn eines Tages ins westliche "Operationsgebiet" zu schicken, ihn vielleicht in einen feindlichen Dienst einzuschleusen. Hametner unterschreibt. Er wird IM "Detlev Lauer" und nimmt während seines Journalistikstudiums in Leipzig regelmäßig Geld von der Stasi. Über seine Seminargruppe verfasst er Stimmungsberichte. Oft betont er, es gebe doch gar nichts Interessantes. Ein Rostocker Stasi-Offizier schreibt verärgert, seine Diensteinheit müsse monatlich zahlen, dabei sei die "Informationssammlung ohne jeglichen operativen Nutzen". Einmal berichtet Hametner über eine Kommilitonin, einmal horcht er einen westdeutschen Messegast aus. Jedoch übernehme der IM "ungern personengebundene Aufträge", heißt es in der Akte. 1975 schließt die Stasi die Akte: "Der IM lehnt eine weitere Zusammenarbeit ab."

Vor einigen Wochen holte ihn seine Vergangenheit ein. Ein Anruf: "Morgen steht über dich in der Welt, dass du IM bist." Hametner sagt den Hörern am nächsten Morgen, dass es stimmt und dass er sich schämt. Er stellt sich den Kollegen und erfährt, dass er bis auf weiteres nicht mehr ans Mikrofon darf. Es rächt sich, dass er sich nicht selbst offenbart hat. Versehen mit dem Geruch der Enthüllung, blieb aus seiner widersprüchlichen Vergangenheit nur noch eins hängen: Stasi.