Der gute Rat der Woche: Wenn Ihnen in nächster Zeit jemand den Posten des Geschäftsführers eines Fernsehsenders anbietet und mit viel Geld winkt - sagen Sie ab! Sie werden unweigerlich feststellen, dass Ihr Vorgänger einen ganzen Keller Real-Life-Formate hinterlassen hat, die keiner mehr sehen und keiner mehr senden will - nicht einmal RTL 2. Die Entsorgung solcher Serien ist ein Problem. Sie könnten sie einfach aus dem Programm nehmen, abrupt und ohne Erklärung, wie es RTL 2 mit seiner Disco-Sendung To club tat, für die der Sender vorher geworben hatte wie für keine zweite. Von einem auf den anderen Tag waren die Hinweise auf die Sendung im Internet-Angebot des Senders getilgt, die Homepage zur Sendung blieb als Ruine im Netz und zählt immer noch die Tage bis zum ursprünglich vorgesehenen Ende. Oder Sie machen es wie Sat.1, das die tränenseligen "Mädels" imGirlscamp auf der Kanareninsel El Hierro bis zum bitteren Ende zeigt, aber nur noch spätabends und nachts. Dann reagiert Ihr Werbezeitenvermarkter, ein Unternehmen mit dem klingenden Namen SevenOneMedia, möglicherweise mit Pressemitteilungen, über denen solche Sätze stehen: "Real-Life-Format intensiv optimiert und leistungsadäquat angepasst." Auch nicht schön.

Weiter müssten Sie als Senderchef erkennen, dass die Zuschauer nicht nur Real-Life satt haben, sondern neben Günter Jauch und Jörg Pilawa auch keine Shows mehr wollen. Sat.1 entdeckte gerade, dass es möglich ist, mit einer Wettspielsendung namens Champions Day und viel Pathos, Langsamkeit und Dilettantismus nebst einem überforderten Moderator Quoten zu erzielen, die nicht mal die Hälfte des eh nicht hohen Senderschnitts schaffen. Nach zwei Ausgaben hat Senderchef Martin Hoffmann jetzt beschlossen, die schon bezahlten weiteren Folgen unauffällig im Sommerloch wegzusenden - jedenfalls nicht zur Prime Time am Sonntag. RTL 2 stehen die gleichen schmerzhaften Entscheidungen bei Multi Millionär und Crazy bevor. Auch die große Welle der Rate-Shows ist schon wieder vorbei. Allenfalls RTL könnte noch einmal Glück haben, wenn im März eine böse, schnelle, tägliche Variante startet, die in Großbritannien unter dem Namen The weakest link mit der Moderationsdomina Anne Robinson zum Überraschungshit wurde.

Und wo bleibt das Positive für einen Senderchef? Hier: Der neue Rundfunkstaatsvertrag schreibt zwar vor, dass Sie vor Erotiksendungen den abschreckend gemeinten Satz einblenden müssen, die folgende Sendung sei "für Zuschauer unter 16 Jahren nicht geeignet". Aber da folgen Sie einfach dem Beispiel von RTL 2. Der Sender lässt vor dem Warnhinweis eine Frau in schwarzem Latex auftreten, die an ihrem Schulterträger nestelt, während ein Frauenchor singt: "Schalte jetzt nicht aus / hier zieht sich gleich jemand aus." In welcher anderen Branche kann man sich so was erlauben, ohne seinen Job zu verlieren?