Mallorca ist wie ein Film, den man zehnmal gesehen hat. Da entdeckt man keine neuen Bilder mehr. An den Bäumen hängen Orangenblüten wie warmer Schnee, und das Meer ist natürlich smaragdblau. Oben auf den Hügeln haben deutsche Millionäre halbe Dörfer in Luxusfincas verwandelt, mit drei Garagen und weißen Marmorlöwen am Eingangstor. Und unten am Strand, in den deutschen Bierstraßen, gleich hinter dem Ballermann liegen in einem kleinen Wald die Überreste der Partys: Bierdosen, Kondome und ein paar Fladen Erbrochenes. "Sonne, Sex und Strand" heißen diese Bilder, und im deutschen Privatfernsehen erzählen sie seit Jahren die alten bekannten Mallorca-Geschichten.

Die Geschichte der 96-jährigen Elsbeth Kirschner ist auch eine Mallorca-Geschichte und die des 24-jährigen Jan Koch ebenfalls. Aber beide sind sie neue Geschichten, von denen es auf dieser Insel viele gibt, nur spielen sie im Verborgenen. Die Hauptpersonen hatten ihren eigenen kleinen Film im Kopf, als sie ihre Heimat für diese Insel verließen. Sie dachten, nun beginne ein langes Happy End. Später erfuhren sie am eigenen Leib die Bedeutung von Begriffen, die sich mit Glücklichsein schlecht vertragen: Sozialfall. Armut. Unterschicht.

Elsbeth Kirschners Geschichte beginnt 1920, als Mallorca noch den Mallorquinern gehört. In ihrer Heimatstadt Danzig hat Elsbeth gerade die Schule beendet, jetzt steht sie den Eltern gegenüber. "Was willst du denn nun werden?", fragt sie der Vater, und Elsbeth sagt: "Schauspielerin! Und wenn ihr das nicht erlaubt, bringe ich mich um."

Die Eltern erlauben es. Widerwillig geben sie der Tochter nach, die bei einer Schauspielerin Unterricht nimmt, am Theater vorspricht und ein Engagement erhält. Sie erfüllt sich also ihren Traum, und im Nachhinein betrachtet, beendet sie damit die erste Etappe auf ihrem Weg in das ehemalige Hotel Harbour View auf Mallorca.

Harbour View heißt Hafensicht, und tatsächlich hat man von dem Panoramafenster des Hauses, das da in einem Vorort der Hauptstadt Palma steht, einen hübschen Blick auf das Meer und die Schiffe. Vor dem Fenster sitzt Elsbeth Kirschner in einem Rollstuhl. Sie trägt einen türkisfarbenen Trainingsanzug, der ihre vollen Windeln überdeckt, und unter der Jacke zwei dicke Wollpullover, während die Sonne durch die Glasscheibe brennt. Der Geruch von Frau Kirschners Schweiß hängt in der Luft.

Sie sagt, man möge sie doch bitte endlich in den Schatten schieben und auf einen Sessel setzen, der Rollstuhl sei so hart, und waschen würde sie sich gerne. Sie sagt das sehr leise, wer nicht neben ihr steht, hört es gar nicht, und wer es hört, versteht es meistens nicht, weil Frau Kirschner Deutsch spricht und das Personal im Harbour View nur Spanisch oder Englisch. "Ich möchte so gerne zurück nach Deutschland", sagt sie. "Dort verstehen mich die Leute."

Ein paar Leute verstehen Frau Kirschner auch im Harbour View, die Frau Mickmann zum Beispiel und die Frau Liszczensky und noch einige andere, die gemeinsam haben, dass sie vor Jahren von Deutschland nach Mallorca gezogen sind. Wie Tausende andere Deutsche wollten sie an einem Ort alt werden, an dem es keine nasskalte Luft gibt, die einem in die Knochen fährt. Dafür gibt es Cafés mit Schildern vor der Tür, auf denen steht: "Deutsche Kuchen/Torten täglich frisch" oder "Hausgemachte Reibekuchen mit Apfelmus". Es gibt Undines Nagelstudio und das Ärztehaus Palma. So sind Frau Kirschner, Frau Mickmann und Frau Liszczensky unter Deutschen geblieben, als sie weggingen aus Deutschland und mithalfen, dass Mallorca den Beinamen Rentnerparadies erhielt. Sie sind alt geworden und dann noch älter. Dann sind sie im Harbour View gelandet, in dieser Abstellkammer des Lebens. Einem Altenheim, von dem Andreas Ahnert sagt, man sollte es nicht Altenheim nennen. "Die Menschen vegetieren dort dahin."