Milliarden an Werten sind seit dem Hoch im März 2000 an den Börsen "vernichtet" worden. Manche Highflyer am Neuen Markt sind aus schwindelerregender Höhe inzwischen auf ein Zehntel ihrer Spitzenbewertung abgestürzt. Aber auch Dax-Werte wie DaimlerChrysler haben kräftig an Wert verloren. Die Deutsche Telekom ist gar von einer steilen Spitze von 314 Milliarden Euro auf 82 Milliarden zurückgefallen. Nortel, der führende nordamerikanische Netzausrüster, hat kürzlich an nur einem Tag 30 Prozent seines Wertes verloren.

Der erschreckte Anleger fragt sich, wie so etwas möglich ist. Kein Erdbeben hat die Fabriken zerstört, kein Produkt erwies sich als schlimmer Flop, die Konjunktur läuft in Euroland gut, und in den USA erwartet man nur eine kleinere Wachstumsdelle. Es regieren dieselben Herren ihre Unternehmen mit allen Fehlern, die dabei vorkommen. Was also erklärt, dass die Bewertung der Unternehmen sich in so kurzer Zeit so drastisch verändert?

Ist nicht die Börse das Modell des perfekten Marktes, der extrem effizient ist, hellhörig und weitsichtig, in dem sich alle verfügbaren Informationen sofort und vollständig in den Preisen niederschlagen? Warum waren dann in den hohen Kursen von gestern und vorgestern die Folgen einer absehbaren kleineren Wachstumsrate bei Handys, einer ungünstigen Modellpalette bei Chrysler oder einer angespannten Liquidität bei den Telekomgesellschaften nach ihrem großen Schluck aus der UMTS-Flasche nicht schon "eingepreist"? Die Gewinnwarnungen erklären die darauf folgenden Kurskorrekturen nicht.

Wenn es nach der Schulökonomie und ihren Lehren ginge, dann müsste der Börsenwert immer nahe am "inneren Wert" der Aktien liegen. Und der leitet sich aus den Substanzwerten und den Ertragswerten ab. Mit der Substanz ist das in einer sich schnell wandelnden Wirtschaft allerdings so eine Sache. Gebäude und Maschinen sind oft nach kurzer Zeit veraltet. Wissen ist kaum erfassbar und schwierig zu bewerten, ebenso schwierig wie Marken und Kunden. Entscheidender ist der Ertragswert, die in Zukunft erwarteten und abgezinsten Gewinne. Sie schlagen sich in bewährten Kennziffern wie dem Verhältnis von Kurs zu Gewinn oder der Dividendenrendite nieder. Eine Zeit lang schienen diese traditionellen Orientierungsmarken für die Kursbildung im Höhenrausch vergessen. Statt auf fundamentale Fakten hat man mehr auf die Kurven der technischen Analysten geschaut, die Aufwärtstrends verlängerten - ohne auf die tatsächlichen Gegebenheiten in den Unternehmen zu achten. So hat der Run auf die angeblichen Stars zu Marktengen und unsinnigen Preisen geführt. Die Grenznachfrage der wenigen, die auch noch auf den Zug springen wollten, hat die Kurse explodieren lassen. Die hohen Börsenkapitalisierungen hatten mit der "Performance" der Unternehmen auf ihren Märkten und ihrem inneren Wert nichts mehr zu tun. So gab es kräftige Übertreibungen nach oben. Für einen Teil der Börsenkurse kaufte der Anleger heiße Luft.

Daher sind jetzt auch nicht reale Vermögen in Milliardenhöhe vernichtet, sondern nur zwei Illusionen zerstört worden: die Illusion plötzlichen Reichtums angesichts stetig steigender, tatsächlich kräftig überhöhter Kurse und die Illusion, die Börsenbewertung liege immer nahe an den inneren Werten. Aber, wie weit auch immer sich die aktuellen Notierungen von diesen Werten entfernen, eines Tages kehren sie doch zu ihnen zurück. Für die Zeit bis dahin bietet die Ökonomie die "Random-Walk-Theorie" an. Sie besagt, dass die Kursverläufe einem Zufallspfad folgen, der nicht vorhersehbar ist. Also doch besser zurück zu den Fundamentals und Fakten - und zum langen Atem.