Vor 15 Jahren hat die Journalistin und Schriftstellerin Carola Stern zum ersten Mal den Mut gehabt, über ihre politischen und menschlichen Verstrickungen während der Nazizeit zu erzählen. Ihr Buch In den Netzen der Erinnerung, das unpathetisch und glaubwürdig über das Leben einer begeisterten Hitler-Jugend-Führerin und über die Leipziger Genossenwelt eines kommunistischen Widerstandskämpfers berichtet, wurde ein beachtlicher Erfolg. Ohne falsches Pathos suchte Carola Stern in der Doppelbeschreibung von zwei Menschen eine Antwort auf die Frage, wie die eine dazu kam, Hitler anzubeten und das Hakenkreuz zu tragen, während der andere Stalin verehrte und später Widerstand leistete. "Nichts ist unerklärlicher als eine verschwundene Begeisterung" - diese Erkenntnis galt für beide, die viel zu spät und nach langer, selbstquälerischer Reflexion den Irrtum erkannten, sich gläubig und konsequent totalitären Ideologien zu unterwerfen.

Weil Carola Stern die Schatten, die bisher über ihren zehn Lebensjahren seit 1945 lagen, nun endlich aufhellen will, legt sie unter dem Krimi-Titel Doppelleben eine Lebensbeichte vor, die erneut an die quälende Deutung früherer Irrtümer erinnert. Wer Carola Stern kennt wie ich, weiß, dass ihr dieser Schritt nicht leicht gefallen ist. Fast auf jeder Seite merkt man der Autorin an, wie schwer es für sie war, das Siegel des Vertuschens und Verschweigens aufzubrechen und endlich zu erzählen, wie es damals wirklich war: Die junge 20-jährige Erika Asmuss, die am Rockzipfel von Nazi-Onkel Hans noch Hitler-Lieder singend durch Ahlbeck gezogen war, ist nach 1945 nicht aus einer im östlichen Teil Deutschlands gängigen Antinazihaltung zur überzeugten Kommunistin geworden, die auf der SED-Parteihochschule von Klein-Machnow sogar eine beachtliche Karriere machte. Ihr schillerndes Doppelleben begann, als ein ominöser "Mr. Becker" vom amerikanischen Geheimdienst sie als Archivarin der sowjetischen Raketenversuchsanstalt von Bleicherode ansprach und bat, gegen Kaffee, Konserven und Zigaretten Interna des Russenstützpunkts auszuplaudern.

Mit dem Versprechen, für eine ärztliche Versorgung der an Krebs erkrankten Mutter zu sorgen, schaffte es der Schlapphut aus Amerika, die vollkommen rat- und arglose, von der vertrauten Heimatinsel Usedom ins unwirkliche Nachkriegsberlin verschlagene Erika Asmuss zum Eintritt in die SED zu gewinnen. Der werfe den ersten Stein! Wer diese spannend erzählte, mit zahlreichen Details und detaillierten Beobachtungen gespickte Chronik eines unbehausten Lebens liest, der erhält zunächst einen ungeschminkten Einblick in die Jahre nach dem Zusammenbruch des Hitler-Reiches, als sich die Deutschen oft mit List und Tücke durch das Leben schlagen mussten. Auch die junge Frau tüftelte an ihrer Überlebensstrategie. Als der Deal mit den Amerikanern perfekt war, fühlte sie sich geschmeichelt. "Ich besaß nicht das geringste Schuldgefühl. Ich erzählte alles, was ich wußte."

Die vaterlos aufgewachsene Erika Asmuss ist ein ganzes Leben lang auf der Suche nach Menschen gewesen, die "mir beistehen, mich trösten, mich verstehen". Sie war ehrgeizig, geltungssüchtig und von dem Wunsch beseelt, eine besondere Rolle zu spielen. Als Ahlbecker NS-Jungmädel hatte man sie anerkannt und hofiert. Das hob das Selbstbewusstsein. Jetzt frönte das vaterlose Kind der Sucht nach Zugehörigkeit und trat in die Welt der SED-Kaderschmiede ein.

Es ist gut, dass die Autorin ihre NS-Vergangenheit noch einmal auf knapp 50 Seiten referiert; nur im Rückblick auf ihre "bescheuerte Gläubigkeit" wird erklärbar, dass dieser Beitritt alles andere als ein politischer Seitenwechsel war: ein rettender Anker, ein neues Zuhause, intellektuelle Heimat unter Freunden, die alle unter dem Nazireich gelitten hatten. Keine Spur von Mata Hari; dazu hatte sie zu viel Angst. "Ich wurde eine teilnehmende Beobachterin, die sich traumtänzerisch zwischen den Lagern hin und her bewegte."

"Schnauze halten oder ab nach Israel"

Carola Stern lässt sich auf einen Diskurs über ihre Vergangenheit ein, bei dem wieder einmal nichts beschönigt wird. Die Ehrlichkeit wirkt frappierend, mit der die 75-Jährige auf ihre heikle und lebensgefährliche Doppelrolle zurückblickt und sich immer wieder fragt, ob sie nun einer gerechten oder ungerechten Sache diente. Eindringlich, gestützt auf ein schier phänomenales Gedächtnis, beschreibt sie die damalige Kaderschmiede der SED, wo Bolschewisten herangezogen wurden, die ihre Arbeit am Leben Stalins auszurichten hatten. Die vom Kalten Krieg verpestete Luft zwischen West und Ost, die verlogenen Träume vom Kommunismus und das Klima von Neid und Denunziation werden eindringlich geschildert. "Kein Mitleid, wenig Toleranz", resümiert Erika Asmuss, die 1951 vor der "bösen Hanna Wolf" und ihren glühenden Stalin-Adepten davonläuft, um unter ihrem heutigen Pseudonym ein neues Leben zu beginnen.