Längst spielen sie wieder miteinander. Vorzugsweise Karten. Sehen zusammen fern. Schlendern friedlich durch Aufenthaltszone und Bibliothek. Serben, Kroaten, bosnische Muslime. Bewacht von UN-Einheiten im zweiten und dritten Stock des Scheveninger Männergefängnisses, haben sie nur noch einen gemeinsamen Feind: das Haager Kriegsverbrechertribunal.

Drei Dutzend Untersuchungshäftlinge sitzen ein in der niederländischen UN-Enklave. Jahre werden vergehen, bevor der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien sie alle abgeurteilt haben wird. In Saal 3 wird jetzt über Monate die Sache "Kvocka u. a." verhandelt. Das ist der Prozess gegen den Kommandanten des Gefangenenlagers Omarska und seine Folterknechte. Omarska war einer der Orte des Grauens im Bosnienkrieg. Der begann nach der völkerrechtlichen Anerkennung Bosnien-Herzegowinas und wurde zum schrecklichsten der vier jugoslawischen Kriege. Am 9. Januar 1992 hatte der bosnische Serbenführer Radovan Karadzic die Republika Srpska ausgerufen und damit die Einheit Bosnien-Herzegowinas aufgekündigt. Mithilfe der jugoslawischen Armee vertrieben seine Milizen Kroaten und Muslime nach Plan und eroberten 70 Prozent des bosnischen Territoriums. Die serbischen Truppen feierten eine Frau als ihre Kriegsgöttin: "Biljana ist unsere Zarin!" malten sie auf ihre Panzer.

Seit dem 10. Januar dieses Jahres haben die Angeklagten des Bosnienkrieges ihre einstige Zarin ganz für sich. Sie sitzt in einer der Zellen, mitten unter Freunden und Feinden von einst. Biljana Plavcic, die Bosniens Serbenrepublik in Krieg und Frieden mitregierte, hat sich dem Tribunal selbst ausgeliefert. Nachdem die ehemalige Biologieprofessorin am Freitag vor Weihnachten von der "verdeckten Anklage" gegen sie erfahren hatte (siehe Beweise in 250 Fällen, Seite 14), kam sie mit einem Sonderflugzeug ihrer Regierung aus Banja Luka. Unter allen mutmaßlichen Kriegsverbrechern, die in Holland einsitzen, ist die frühere Präsidentin der Serbenrepublik jetzt die höchste Amtsträgerin. Keiner der angeklagten Männer in ähnlich hohen Positionen hat sich bisher freiwillig gestellt.

Für Graham Blewitt, den stellvertretenden Chefankläger, der früher in Australien deutsche Altnazis jagte, ist damit ein Meilenstein erreicht: "Frau Plavcic hat mit ihrer Entscheidung das Tribunal als Instanz anerkannt." Das wiegt jetzt doppelt. Denn Jugoslawiens Präsident Koctunica hat in den vergangenen Wochen die Auslieferung von Slobodan Milocevic rigoros verweigert. Seine Begründung: Der Haager Strafgerichtshof ziele darauf ab, Serbien einseitig alle Kriegsschuld anzulasten. Koctunicas ablehnende Haltung, die vom innenpolitischen Machtkampf mitgeprägt ist, ermuntert wiederum die kroatischen Nationalisten. Sie machen dagegen Stimmung, dass die Regierung in Zagreb "Vorleistungen" an das Tribunal erbringt und die eigenen Landsleute wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen an serbischen Zivilisten ausliefert. Frau Plavcic' freiwilliger Gang nach Den Haag schwächt die Argumente beider Seiten. So ist sie jetzt die Zarin der Anklage.

Küsse vor den Kameras für Arkan, den Menschenschlächter

Und die potenzielle Zeugin auch. Denn das Tribunal hofft darauf, dass sie eines Tages Aussagen über ihre früheren Gefährten und späteren Feinde Milocevic, Karadzic und Krajicnik machen könnte. Das ist freilich, wie es ihr Anwalt Krstan Simic gegenüber der ZEIT formuliert, "nur reine Spekulation für die Regenbogenpresse und Leute wie Richard Holbrooke".

Die 70-Jährige ist allein unter Männern im Scheveninger Gefängnis. Eine fromme Frau. Als Erstes hat sie um die Bibel gebeten. Anwalt Simic holte sie ihr aus der Wohnung in Banja Luka, der heutigen Hauptstadt der bosnischen Serbenrepublik. Mit Gott und Vaterland ist es der Serbin schon immer ernst gewesen. Furchtbarer Ernst wurde daraus in Jugoslawiens dunkelsten Tagen. Biljana Plavcic, die während des Zweiten Weltkrieges viele Verwandte aus der väterlichen Familie in den kroatischen Konzentrationslagern der faschistischen Ustaca verloren hatte, wurde zur Rachegöttin. Sie feuerte die Feldzüge der Serben mit Worten an, wie sie niemand sonst gebrauchte.