In ihren Aufmachern sind sich die Zeitungen heute vollständig uneinig. Die "Welt" wendet sich der Entdeckung eines bislang unbekannten Gens durch britische Forscher zu: "Neue Hoffnung für Millionen Asthma-Kranke". Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hingegen stellt den Streit um die Äußerungen des Außenministers in Washington in den Vordergrund: "Führende Grüne unterstützen Fischer Verärgerung über Trittin". Außerdem auf der Eins: der Ausbruch der Maul- und Klauenseuche in Großbritannien. Der "Tagesspiegel" wiederum stellt die Diskussion um die Angriffe auf militärische Anlagen im Irak in den Vordergrund: "US-Bomben verfehlten Ziele im Irak". Die "Süddeutsche Zeitung" beschäftigt sich mit dem in Bedrängnis geratenen Telekom-Chef: "Ron Sommer: Mein Stuhl wackelt nicht", während die "Frankfurter Rundschau" titelt: "Berlins CDU brach Parteiengesetz". Die "tageszeitung" kümmert sich um das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag, das drei Serben wegen sexueller Gewalt zu hohen Haftstrafen verurteilte. In Anbetracht der Tatsache, dass die türkische Lira gestern um mehr als 40 Prozent an Wert verloren hat, nachdem die türkische Regierung in Absprache mit dem Zentralbankgouverneur den Wechselkurs freigab, überrascht das "Handelsblatt" wenig mit seiner Überschrift: "Türkische Lira stürzt ab".

T-esaster

Mehr Einigkeit herrscht in den Kommentaren. Fast alle Zeitungen beschäftigen sich mit dem Kursverfall der T-Aktie. Der "Tagesspiegel" druckt eine Sonderseite zur "Volksaktie im freien Fall" und fragt, was Anleger in Anbetracht der "Fieber-Folgen" tun können. Zunächst solle der Telekom-Chef zurücktreten, meint Reinhild Keitel, Mitglied im Vorstand der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre, in einem Interview, danach werde man prüfen, ob man Ron Sommer nicht auf Schadenersatz verklagen könne. Peter Gillies mahnt hingegen in einem Leitartikel in der "Welt" vor reflexartigen Aufschreien und Rücktrittsforderungen. Schließlich habe Sommer ein "nach behäbigem Beamtenrecht organisiertes Unternehmen mit einem Schuldenberg von mehr als 120 Milliarden Mark übernommen". Durch geschickte Werbeentfaltung habe er die Deutsche Telekom an die Spitze der internationalen Telekommunikation gebracht, wo das Unternehmen schließlich die Probleme wieder einholten. Doch Gillies bezweifelt, dass die Ablösung Sommers auf einen Schlag alle Probleme lösen würden. Etwas mehr Geduld sei angebracht: "Die Deutsche Telekom ist international so schlecht nicht aufgestellt, sie beginnt ihre Verschuldung abzubauen."

Bernd Ziesemer warnt ebenfalls davor, nur Verrat und Betrug zu wittern und den Kopf des Verantwortlichen zu fordern. In seiner Analyse im "Handelsblatt" weist er darauf hin, dass auch viele Banker und Politiker der Aktienkultur langfristig durch eine allzu platte Propaganda für die T-Aktie mehr geschadet als genützt hätten. "'Volksaktie', - das haben viele missverstanden als Synonym für eine Aktie ohne Risiko. Die T-Aktie wurde von vielen Anlageberatern angepriesen, als sei sie nichts anderes als ein Sparbuch nur mit wesentlich höheren Zinsen."

Bei aller kollektiven Schuld gab es im Telekom-Unternehmen auch hausgemachte Probleme, die zum Niedergang des ehemaligen Börsenlieblings beitragen. Darauf weist Holger Steltzner in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" hin. Er wirft Sommer vor allem eine diffuse Geschäftsidee vor. Erst habe der Telekom-Chef an einem internationalen Netzwerk für Geschäftskunden gebastelt, dann sei er plötzlich auf Mobilfunk vor allem für Privatleute umgeschwenkt. Zu allem Unglück habe er sich auch noch bei der Ersteigerung der UMTS-Lizenzen für den Mobilfunk übernommen. "Fraglich ist, ob sich die Milliardeninvestitionen für die noch zu bauenden Netzwerke jemals lohnen werden", meint der Kommentator. Auch er sieht einen Elchtest auf Sommer zukommen. Denn die Telekom-Aktie habe eine Verantwortung: Sie sei eng mit dem erfreulichen Aufstieg des Finanzplatzes Deutschland zu internationalem Rang verbunden. "Deshalb ist der nachhaltige Unternehmenserfolg nicht nur für die Zukunft der Telekom entscheidend, sondern darüber hinaus so wichtig für die noch zarte Pflanze einer wachsenden deutschen Aktienkultur."

Krise in der Türkei

Im Gegensatz zur letzten Finanzkrise im vergangenen Dezember könne die Türkei diesmal keine mildernden Umstände geltend machen, die akute Krise sei vollständig selbstverschuldet, und zwar vom Regierungschef höchstpersönlich, so lautet der Tenor der Kommentare zu den finanziellen Erschütterungen in der Türkei. Der Krach zwischen Staatspräsident Sezer und Ministerpräsident Ecevit über die Korruptionsbekämpfung eskalierte binnen weniger Stunden zu einer panikartigen Krise an den Finanzmärkten. Allerdings markiere der Konflikt nur die Spitze des Eisberges, analysieren die Journalisten weiter. "Da sind diejenigen Geschäftsleute, die gut an Korruption und Hochzinspolitik verdienen und keine Interesse an einer Politik des knappen Geldes haben", meint Christoph Rabe im "Handelsblatt". "Und da ist der IWF, der zwar umfangreiche Finanzhilfen in die Türkei pumpt, aber bisher nicht in der Lage gewesen ist, die Stabilisierung des Finanz- und Bankenwesens auch durchzusetzen." Kein Wunder, so Rabe, wenn es um das Vertrauen nicht sonderlich gut bestellt sei.