Es wäre jedoch falsch anzunehmen, Schrempp hätte allein aus Rücksichtnahme auf diese Freaks das Wort "Shareholder Value" aus seinem Sprachschatz getilgt. Der Grund dafür dürfte wohl eher in den nicht gefixten Problemen der Unternehmenstochter Chrysler liegen. "Daimler-Chrysler rechnet mit Verlust in Milliardenhöhe", titelt heute die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Etwas persönlicher wird die "tageszeitung", das People-Blatt unter den Wirtschaftszeitungen: "Autokönig auf Bewährung". Auch die "Frankfurter Rundschau" und das "Handelsblatt" machen mit DaimlerChrysler auf. Eher lokale Themen haben heute der "Tagesspiegel" - "Berlins CDU trickste mit Steuergeld" - und die "Bild" - "Das Ende des Geiselgangsters. Blutbad im Hamburger Univiertel" - auf der Eins. Wie sich ernste Themen mit wenig durchdachten Schlagzeilen ins Dadaistische verschieben lassen, zeigen heute die "Welt" und die "Süddeutsche Zeitung": "USA erlauben Adoption tiefgefrorener Embryos", titeln die Berliner (Nachfrage: Was macht man mit denen dann eigentlich? In der Mikrowelle auftauen?), "Künast will Kontinental-Europa abschotten" die Münchner (Nachfrage: Was wird aus unserem Urlaub in London? Wie können wir die Selbstschussanlagen überwinden?)

"Gefallene Helden"

Nein, diesmal war's kein Samenraub. Schrempps Frau Lydia ist offenbar auf natürlichem Wege schwanger geworden - und deshalb auch nicht titelseitenwürdig. Deshalb vermeldet das Gynäkologen-Blatt "Bild" das Ereignis auch erst auf der Zwei ( "Der schwerste Tag im Leben von Daimler-Chef Schrempp ... zum Glück kann er sich auf seinen privaten Baby-Benz freuen"). Die Fusion mit Lydia scheint aber auch die einzige zu sein, die Schrempp zufriedenstellend hinbekommen hat. Denn bei Chrysler und Mitsubishi (DaimlerChrysler-Anteil: 30 Prozent) sieht es finster aus: nichts als Absatzkrisen, Verluste und Rückrufaktionen. Weil die DaimlerChrysler-Aktie deswegen abstürzte, legte Mr. Shareholder-Value auf der gestrigen Jahrespressekonferenz seines Unternehmens einen harten Sanierungsplan vor: Bei Chrysler sollen 26.000 Jobs wegfallen, bei Mitsubishi 9.500. Außerdem will Schrempp die Preise der Zulieferer um 15 Prozent drücken. Diese Maßnahmen kosten ihrerseits viel Geld, so dass DaimlerChrysler 2001 mit einem operativen Verlust von bis zu 1,7 Milliarden Euro rechnet.

Und was schreiben die Goldfedern aus den Wirtschaftsressorts dazu? "Entscheidend für Schrempp und seinen Verbleib an der Spitze des weltweit drittgrößten Automobilkonzerns ist allein die Frage: Schafft es sein US-Statthalter Dieter Zetsche, Chrysler binnen Jahresfrist wieder in die schwarzen Zahlen zu bringen? Wenn nicht, ist nicht nur Schrempps Milesstones-Konzept Makulatur. Dann muss der Vorstandschef seinen Platz räumen", kommentiert Andrea Jocham im "Handelsblatt". Seine Erfolgsaussichten sind, das betonen alle Blätter, unsicher. Die "gravierende Schwäche [des US-Automarktes] ist eine der wesentlichen Ursachen für das Chrysler-Desaster - und ausgerechnet darauf hat Schrempp keinen Einfluss", schreibt beispielsweise Karl-Heinz Büschemann in der "Süddeutschen Zeitung". Strafverschärfend komme noch die Beteiligung an Mitsubishi hinzu. "Wenn er dem Konzern - um Chrysler zu retten - auch noch Mitsubishi hinzufügt, wird die Sache um ein x-faches schwieriger. Jetzt muss er gleich drei verschiedene Kulturen zueinander führen. Das scheint aussichtslos." Schrempp, so lässt sich dem Kommentar entnehmen, ist deshalb nur noch ein Manager auf Abruf, ein Mann, der versucht, eine letzte Galgenfrist zu nutzen. Ausführlich geht darauf auch die "Welt" ein: Auf der Seite drei findet sich unter dem Titel "Gefallene Helden" ein Doppelporträt von Schrempp und seinem Leidensgenossen Ron Sommer von der Telekom.

Scheiterhaufen auf der Weide

"Kampf gegen die Seuchen wie im Mittelalter", schreibt die "Bild"-Zeitung mit dem gewohnt dramatischen Überschwang. "Auf den Weiden lodern die Scheiterhaufen". Darauf endet derzeit alles, was uns Menschen ungenießbar erscheint: Kühe und Schafe, die mit BSE infiziert sein könnten, sowie Schweine, die an Maul und Klauen verseucht sind. Verbraucherschutzministerin Künast kämpft derweil im fernen Brüssel für eine ökologische Landwirtschaft und gegen weitere Vernichtungsaktionen. Allerdings will sie zugleich die ostdeutschen Riesenbetriebe schonen. Deswegen wehrt sie sich gegen den Vorschlag von EU-Kommissar Fischler, Prämienzahlungen auf Höfe mit maximal 90 Rindern zu begrenzen. Diesen Widerspruch pickt die "tageszeitung" in ihrem kundigen Titelkommentar auf. "Es geht bei der Agrarwende nicht um ein wenig grüne Tünche für die Auswüchse der Massentierhaltung, sondern um deren Abschaffung", schnauzt Manfred Kriener die Ministerin an: "Obergrenzen bei der Tierzahl sind unverzichtbar". Auch der "Tagesspiegel" wittert ein seltsames und zugleich chancenloses politisches Geschäft: "Dass Künast gegen das Schlachtprogramm ist, gleichzeitig aber eine Obergrenze für die Förderung von Bullen ablehnt, halten ihre europäischen Kollegen für ziemlich inkonsequent. [...] Künast setzt sich für eine Grünlandprämie ein. Hätte sie damit Erfolg, müssten sich auch die ostdeutschen Großzüchter umstellen. Denn mit einer Grünlandprämie würde die Bullenhaltung auf der Weide gefördert, nicht mehr die Erzeugung von möglichst viel Fleisch. Allerdings hat die Idee wenig Chancen auf Umsetzung". Und gerade deshalb könnten "beide Seiten" damit gut leben: "Renate Künast kämpft - auf verlorenem Posten. Und die Bauernlobby kommt ungeschoren davon. Sehr lange wird dieses Spiel nicht funktionieren."

Ford ist saniert