Was ist nun davon zu halten, dass bei Gelegenheit solcher Aufzüge regelmäßig zu Gegendemonstrationen aufgerufen wird? Oft genug wird dieser "Aufstand der Anständigen" wirklich von anständigen Demokraten veranstaltet, mitunter aber kommt die Gegenaktion aus dem Lager der "Antifa" - und dann geht es nicht immer friedlich und gewaltfrei zu.

Lassen wir einmal die gewalttätigen Neonazi-Gegner beiseite: Das gehört in das Kapitel "Les extrèmes se touchent" - die Gegensätze ziehen sich an, auch politisch und militant. Aber was geschieht, wenn sich das Ritual "Neonazistischer Aufzug - demokratisch gesinnter Protestzug" als Routine einschleift? Wird dann Deutschland weniger braun?

Ich bin darin sehr skeptisch! Ich hielte es für besser, die Neonazis (unter Bewachung durch ein ausreichend starkes Polizeikontingent) für sich alleine zu lassen - schon um öffentlich sichtbar zu machen (für den, der dann noch hinschaut!), wie jämmerlich klein dieser Wanderhaufen in Wirklichkeit ist. Soll man stattdessen wirklich durch pflichtbewusste Gegendemonstrationen nur die Publizität steigern, den Neonazis also eine verstärkte Prämie auf die Provokation aussetzen? Wer weiß denn, ob sie selbst dann noch so fleißig paradieren würden, wenn sie einfach ignoriert und nicht ausgerechnet von ihren Gegner ernst genommen würden? Und muss man das Risiko von Straßenschlachten zwischen den beiden Demonstrationslagern ebenso steigern wie die Zahl der Polizisten, die sicherheitshalber ihre eigene Haut und Freizeit im Gefecht zwischen den Fronten zu Markte tragen müssen?

Weniger, so mein Eindruck, wäre mehr.

P.S.: In Hamburg hatte man vor dem vorigen Wochenende die an der Demonstrationszone ansässigen Unternehmen diskret vor dem zu erwartenden Rabatz gewarnt. Die schlimmste Konfrontation blieb dann aus - weil die Neonazis praktisch ignoriert wurden. So also geht's auch…