Jetzt mal ehrlich: So richtig schön ist es im Ruhrgebiet immer noch nicht. Klar hat man hier Berge versetzt in den letzten Jahren, Jahrzehnten, buchstäblich. Aus Halden, diesem aufgeschütteten Gedärm, herausgepult aus dem Erdinneren, hat man Parks gemacht, nicht gleich englische, aber unverwechselbar ruhrpöttische, anheim gegeben spirreligem Birkenpionierwald und der Landschaftskunst. In aufgelassene Zechen und Kokereien, in die leeren Hüllen der Kohlezeit, ist neues, anderes Leben eingezogen. Nur fünf Prozent der arbeitenden Menschen malochen überhaupt noch in der Montanindustrie. Wie Ufos sind spektakuläre Neubauten in den postindustriellen Wüsten gelandet, das gigantische Gewächshaus der Akademie Mont Cenis in Herne zum Beispiel oder der Glasriegel des Technologieparks Rheinelbe in Gelsenkirchen. In ihnen wird eine alte Bergmannsregel widerlegt: Im Sitzen kannze nich arbeiten. Und dennoch: Schön is anders.

Über keinem Gipfel ist Ruh; noch auf der höchsten, fernsten Halde dröhnt eine der zwei, drei, vier Autobahnen, die das Ruhrgebiet zerschneiden und zugleich am Leben, in rastloser Bewegung halten. Und so viele Trümmer man auch zur Kunst erklärt hat, so imposant die stillgelegten Fabriken, so strahlend die neuen Wahrzeichen auf alten Brachen auch sein mögen - noch verleihen sie der Gegend kein neues Gesicht. Sie liegen und mussten liegen im Niemandsland, das normale Leben abweisende Gewinnmaximierungsburgen. Die städtischen Zentren liegen hinter ihrem Rücken, und so sehen sie auch aus: Gewerbegebiete des Sozialen, zerfleddert, zugerichtet für den problemlosen Gebrauch.

Und doch steckt in diesem konturlosen Gewucher die Ahnung einer gewaltigen Kraft. Wer gezwungen ist, alles Alte hinter sich zu lassen, muss, darf sich neu erfinden. Kann die weißen, oder besser: schwarz-grauen Flecken auf den Stadtplänen zurückerobern. Und da hat das Ruhrgebiet mindestens so viel zu tun wie Berlin. Den Innenhafen Duisburg in eine mittelmeerische Marina verwandeln. Die Bottroper Halde Prosper in ein Alpincenter mit Hüttenzauber und Jagatee. Die Waschkaue auf Zollverein in ein Tanzzentrum. Der Pott muss nicht weniger als Weltgeschichte machen.

Die ganze Republik soll neidisch werden

Sagt jedenfalls Jörn Rüsen, der Direktor des kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen. "Die urbane Struktur an der Ruhr ist eine weltgeschichtliche Innovation. Hier wächst keine Superstadt, aber es bleibt auch nicht beim Nebeneinander mehrerer Städte. Ein Netzwerk entsteht, nicht von oben herab geplant, eine polyzentrische Metropole." Los Angeles ist der gern bemühte, weltläufige Vergleich, aber es ist mehr als das: ein puffreisartiger Verbund autonomer Einheiten, die jede für sich schon alles besitzen, was eine Großstadt ausmacht. Um das Selbstbild dieser Ruhrstadt wird nun ständig gestritten, aber gemalt werden muss es. Denn ohne Vorstellung von dem Ort, an dem man lebt und arbeitet, kann man nicht leben und arbeiten, sagt Rüsen. "Montana" heißt ein Versuch, dem Ding einen Namen zu geben; durchgesetzt hat er sich nicht.

Noch ist das Bild ein ziemlicher Historienschinken. An die hundert historische Museen gibt es im Ruhrgebiet, mehr als die Hälfte davon wurde erst mit dem beginnenden Strukturwandel gegründet. Das sei aber weder Ideologie noch Nostalgie, sagt Rüsen, sondern Notwendigkeit: "Bewusstseinsformung funktioniert über Erinnerung, sie liefert die Plattform für den Absprung in die Zukunft." So ist die Grundfarbe des Bildes vorerst das rußgraue Minderwertigkeitsgefühl, immer noch im Keller der Republik die Kohlen zu schippen und ständig übersehen zu werden. Dann haften daran die knallbunten Etiketten der Slogan-Erfinder ("Der Pott kocht"), und erst die jüngste Farbschicht probiert neue Töne: Wir haben mehr Einwohner, mehr Museen, mehr Theater, mehr zu bieten als Berlin. Zwar ist die Hauptstadt von hier, vom Westen aus, nach wie vor weit weg, warum also sich damit messen? Aber um Aufmerksamkeit zu erregen, ist das Löcken wider jenen Stachel "in der Streusandbüchse des Heiligen Römischen Reiches" (Rüsen) immer gut. Da wird sogar der Kulturwissenschaftler zum Lokalpatrioten: "So ein Ding wie den Serra" - die 70 Tonnen schwere Stahlskulptur Bramme für das Ruhrgebiet, hineingerammt in die Essener Schurenbachhalde - "so ein Ding habt ihr in Hamburg nich und in Berlin schon gar nich. Das steht für was." Und seit ein paar Wochen steht auch die Idee für ein neues Festival unter prominenter Leitung, bei der nicht nur die Hauptstadt, sondern die ganze Republik neidisch werden kann und - so der identitätsstiftende Hintergedanke - soll.

Noch hat das für alle drei Jahre und nach documenta-Vorbild mit wechselnden Chefs geplante kulturelle Großereignis gar keinen richtigen Namen, als Ruhrgebiets-Triennale beflügelt es aber jetzt schon Fantasie, Vorfreude, Neid, Missgunst. Gründungsdirektor soll Gérard Mortier werden, der nach dem Ende seiner Salzburger Ära im Sommer und einer sechsmonatigen Denk- und Verschnaufpause ausgerechnet im Berliner Wissenschaftskolleg dem Ruhrgebiet endgültig alle Minderwertigkeitsgefühle zumindest auf dem Felde der Kultur austreiben soll. Dafür stehen ihm 35 bis 40 Millionen Mark pro Jahr aus der Landeskasse zur Verfügung, eine gewaltige Summe in Zeiten, in denen auch in Nordrhein-Westfalen so manche Kulturinstitution kurz vorm Exitus steht. Deshalb kam gleich die Frage auf: Darf man das? Gestellt hat sie stellvertretend für viele Dietmar N. Schmidt, der Geschäftsführer des Kultursekretariats NRW, einem Zusammenschluss von 25 Städten.