Land der toten Helden

Kiew

Ein "Land ohne Helden" - das ist die Ukraine für Myroslawa Gongadse. "Helden der Wirklichkeit werden hier ausgegrenzt, missachtet, fertig gemacht", sagt die 28-jährige Witwe des ermordeten Journalisten Georgij Gongadse. "Erst wenn sie tot sind, verehren die Menschen sie als Märtyrer. Dann ist es zu spät."

Myroslawa sieht das Konterfei ihres Mannes täglich auf den Plakaten der Demonstranten. Mitte November hatte der Staat zur Leichenschau freigegeben, was von ihm geblieben war. "Kein Kopf, keine Hände. Hier ist der Fuß, und hier sind die Schultern, sagten sie und hielten mir einige Knochen hin." Die selbstbewusste Frau mit dem dunklen Bubikopf spult die Erinnerung an den furchtbarsten Moment ihres Lebens wie eine Pressesprecherin herunter. Das ist der Beruf der gelernten Juristin. Wer ihren Mann umgebracht hat, liegt bis heute im Dunkeln. Die Staatsanwaltschaft ermittelt ohne Elan und Ergebnisse. Myroslawa Gongadse will die Wahrheit, aber keinen Rachefeldzug. "Ich habe Angst vor einer Eskalation im politischen Kampf. Meine Kinder und ich stehen mit unserem Leben dazwischen."

Seit dem Tod von Georgij Gongadse ist die Ukraine ein anderes Land geworden. Tonbänder aus der Präsidialkanzlei kursieren, Parlamentarier und Präsident bezichtigen einander, Verbrecher zu sein. Der Staatsanwalt verhaftet eine Oppositionspolitikerin, Demonstranten und Polizisten ziehen in Pulks durch die Hauptstadt, die Hauptstraße Kiews gleicht Wallensteins Lager. Das Wort Konsens kennt niemand mehr, und manchen beschleicht die bange Frage, ob die junge Ukraine dabei ist, ihre Überlebensfähigkeit zu verspielen. Allein der Lebenswille ist noch nicht erloschen. Die rivalisierenden Gruppen ringen giftig um die Macht: Präsident Leonid Kutschma, die ihm nahen Politunternehmer und sein halbloyaler Premier Wiktor Juschtschenko gegen den Sozialistenchef Oleksandr Moros und die Exministerin Julija Timoschenko.

Die Staatskrise hat der Präsident höchstselbst ausgelöst. Seine Stimme vom Tonband wird in Kiew im Radio, im Internet und über die Parlamentslautsprecher verbreitet. Starker Tobak ist, was Kutschma da über Gongadse verlauten lässt: "Einfach nach Georgien deportieren und dort zum Teufel schicken ... auf dass ihn die Tschetschenen holen und ..." (Nicht alle starken Worte des Präsidenten eignen sich zum Abdruck, d. Red.) Kutschma ficht nur noch die Gesamtmontage an, nicht aber einzelne Zitate, der Purpur des fürsorglichen Landesvaters ist verblasst.

Die Opposition ist schwach, der Präsident angeschlagen

Neben seiner eigenen Stimme hört Kutschma nun den anschwellenden Protestgesang. Die Demonstranten schimpft er "Nazis". Dafür lassen die kein gutes Haar am "Kutschma-Regime": Sie ziehen her über die manipulierte Wahl von 1999, den Medienkrieg, die Vetternwirtschaft, den sanktionierten Raub von Staatseigentum, die Stromausfälle, die Fassadendemokratie. "Wo stehen wir nach zehn Jahren Unabhängigkeit?", fragen viele Ukrainer frustriert.

Land der toten Helden

Die Standortfrage hat der harte Kern der Demonstranten für sich beantwortet: Sie richten sich auf dem Chreschtschatik ein, Kiews zentralem Boulevard. Auf den breiten Trottoirs haben sie eine Zeltstadt errichtet und einen Teil der Straße abgesperrt: "Kutschma-freie Zonen". Dort, wo der Präsident nichts zu suchen hat, gibt es warme Suppen, ukrainische Flaggen, Wandzeitungen, Gongadse-Bilder und Gratiswurst. Aus allen Teilen des zweitgrößten Flächenstaates Europas sind die Empörten angereist und klagen: über leere Lohntüten, kalte Heizkörper, geschlossene Fabriken und natürlich über Kutschma. Eine Regenbogenkoalition ist entstanden. Sozialisten stehen neben Offiziersverbänden, Grüne neben einer rechtsextremen Jugendgruppe - geeint durch den Präsidenten als politische Vogelscheuche.

Der führende Kopf der Opposition ist Oleksandr Moros. Der Vorsitzende der Sozialisten erzählt, wie Kutschma vor der Wahl 1999 den Fabrikdirektoren mit dem Staatsanwalt gedroht hat, wenn sie ihm nicht die nötigen Wahlstimmen besorgen würden. Neue Tonbänder aus den Präsidentengemächern belegen das. "Alle seine Vasallen sind korrumpiert und stehen mit einem Bein im Gefängnis", sagt Moros. Er war selbst ein Kandidat bei der letzten Wahl und ist im Schlamm auf der Strecke geblieben. Moros hat den Nimbus des Anständigen. Ein sozialdemokratischer Kanalarbeiter-Charme umweht ihn. Weißhaarig ist er geworden im Dienste für Arbeit und Soziales. Ein Vertrauensmann, kein Volksheld.

Die in Kiew gefeierte Heroine sitzt hinter Gittern. Zum verabredeten Interview mit der ZEIT konnte Julija Timoschenko nicht erscheinen. Der Staatsanwalt hatte sie verhaftet. Beim vergeblichen Warten im verwaisten Büro der 40-Jährigen blieben nur die Ikonensammlung und Fotografien ihrer selbst zu betrachten. Eine energische, emotionale Vollblutpolitikern, bildschön, aber nicht makellos. Timoschenkos Arrest ist ein Lehrstück ukrainischer Politik. Ihr werden Vergehen vorgeworfen, mit denen viele der ukrainischen Mächtigen nur allzu vertraut sind: doppelte Kassenführung, Koffergelder, dubiose Überweisungen ins Ausland. Belege? Nicht nötig.

Formal sitzt Timoschenko in Untersuchungshaft wegen ihrer Zeit als Energiemanagerin Mitte der neunziger Jahre, tatsächlich jedoch für ihre Arbeit als Vizepremier im vergangenen Jahr. Sie fegte den Energiesektor aus, den sie selbst am besten kannte. Timoschenko zwang ukrainische Unternehmen, Energie nicht mehr in flexibel-lukrativen Tauschgeschäften zu bezahlen, sondern mit barem Geld auf reale Konten. Die Einnahmen staatlicher Energiefirmen explodierten, die Tauschmargen der schmierigen Politunternehmer um Kutschma schmolzen dahin. Timoschenko hatte gezeigt, wohin der Schatten fällt im Dickicht zwischen Staat und Großkapital. Die aufgebrachten Oligarchen erzwangen ihre Absetzung. Als sie zur Opposition desertierte, wurde sie zur unkontrollierbaren Kraft. Da entdeckte der Staatsanwalt "kompromat", kompromittierendes Material in seinem Archiv.

Über Julija Timoschenko ärgerten sich nicht nur Ukrainer. Auch aus dem so nahen, so fernen Moskau war ein Grollen zu hören. Russische Energieriesen haben ein Auge auf ukrainische Unternehmen geworfen. Timoschenko jedoch bediente die russischen Investoren nicht so bevorzugt, wie jene es von den slawischen "Brüdern" erwarteten. Als sich der Staatsanwalt über die Akte Timoschenko beugte, trafen sich Wladimir Putin und Leonid Kutschma in Dnipropetrowsk, dort, wo der Ukrainer einst die größte Raketenschmiede der Sowjetunion leitete. Politik per Staatsanwalt und Probleme mit Journalisten sind Putin ja nicht fremd. Er tat Kutschma den Gefallen, herzlich die Hände zu schütteln, von denen unklar ist, was an ihnen klebt. Kutschma gefiel Putin, weil er ein gutes Dutzend Verträge unterschrieb, welche die ukrainische und die russische Rüstungsindustrie weiter verflechten. Auch ein Memorandum über die Wiedererrichtung des Energieverbunds aus sowjetischen Zeiten nahmen die Russen mit. Zwei Tage nach dem Treffen kaufte der russische Konzern Awtowas das Aluminiumwerk Salk in Saporishja. Zum Vorzugspreis von 70 Millionen Dollar, obwohl eine ukrainische Firma 102 Millionen geboten hatte.

Die Opposition wettert gegen den "Ausverkauf der Ukraine" an Russland. Gestern noch hoffte sie auf den liberalen Ministerpräsidenten Wiktor Juschtschenko, der Front gemacht hatte gegen Gefälligkeiten für Moskau. Einst war er Julija Timoschenkos Verbündeter gewesen. Doch im Gefecht zieht der vom Präsidenten berufene Mann den Kopf ein. Erst unterschreibt er Kutschmas Nazi-Beschimpfung der Demonstranten, dann ruft er wieder zum Dialog auf. Der hölzerne Premier ist nicht aus dem Holz, aus dem Helden geschnitzt werden.

Das ist die Arena di Ukraina: Ein angeschlagener Präsident, ein abhängiger Premier, ein aufrecht-spröder Oppositionschef und eine verhinderte Johanna von Orleans im Gefängnis. Die Proteste gehen weiter, die Kutschma-freien Zonen dehnen sich aus. Beengen sie den Präsidenten? Die Institutionen der Macht, die Armee, die Polizei, die Banken, stehen hinter ihm. Doch Kutschmas Fluch sind seine eigenen Worte, die in immer neuen Bändern auf den Markt kommen. In Kiew ist eine machtlose Opposition gegen einen lahmen Präsidenten angetreten - in einem Wettbewerb des Schwächelns. Der Schwächere wird unterliegen. Selbstbewusste Ukrainer hoffen, dass es am Ende nicht das ganze Land ist.