Rumsfeld: Der Name ist Programm. Der neue Verteidigungsminister der Regierung George W. Bush ist bekannt dafür, dass er den Aufbau eines Raketenschildes gegen Raketen (NMD) propagiert - besonders eindringlich in dem berühmten Papier einer nach ihm benannten Kommission. Weitgehend unbeachtet blieb indes bisher "Rumsfeld II": Ein Programm für die Aufrüstung im Weltall. Es enthält erst recht politischen Sprengstoff.

Die Grundidee von "Rumsfeld II" klingt plausibel: In der High-Tech-Welt läuft ohne Satelliten nichts; die wirtschaftliche und militärische Macht der Vereinigten Staaten hängt in hohem Maße von ihnen ab. Folglich müssen sie gegen Angriffe geschützt werden.

Die künstlichen Trabanten tasten den Erdraum mit Radar, Infrarot und anderen Frequenzen ab, schieben Datenmassen durch die Netze und sind unabdingbar für die Navigation. Im Kosovo-Krieg hatten "nahezu alle Einzelaktionen eine Space-Komponente", wie das deutsche Militärblatt Soldat und Technik anerkennend schreibt, von der Zielplanung über die Raketensteuerung bis zur Kommunikation.

Die U.S. Air Force betreibt 55 Satellitensysteme; es kommen geheime Satelliten anderer Regierungsstellen hinzu. Dem Space Technology Guide 2000/2001 des Pentagons zufolge ist das erst der Anfang. So soll in Zukunft ein Satellitensystem Interkontinentalraketen orten, damit sie mit Abfangraketen zerstört werden können. Die Vereinigten Staaten streben die Überlegenheit im Weltraum an, um jeden Ort der Erde überwachen und zur Not zum Kampfplatz machen zu können. Niemand soll ihnen diese Sphäre streitig machen: Das ist Militärdoktrin, festgelegt in der Verteidigungsdirektive 3100 vom Juli 1999.

Weltraumtechnik ist angreifbar. Hackern ist es bereits gelungen, die Kommunikation zu unterbrechen; mit Störsendern lassen sich die Signale von GPS-Satelliten zerhacken, optische Sensoren könnten mit Lasern geblendet, Satelliten durch die Kollision mit Kampfsatelliten zerstört werden. Schon in den sechziger Jahren demonstrierten die USA mit Nuklearzündungen in großen Höhen, dass der davon ausgehende elektromagnetische Impuls die Elektronik von Satelliten ausschalten kann; ein Test über Hawaii löste 1962 sogar auf der Erde Alarmanlagen aus.

Donald Rumsfeld warnt vor einem neuen "Pearl Harbor": Die Vereinigten Staaten seien bedroht, weil ihre Basis im Weltraum lahm gelegt werden könne. Folglich müssten sie etwas gegen Killersatelliten in petto haben: eigene Killersatelliten. Das ist das eiserne Gesetz der Militärtechnik; gegen Infanterie kämpft die Infanterie, Panzer helfen gegen Panzer, Schiffe gegen Schiffe - nie ausschließlich, aber vorrangig. Und während "Rumsfeld II" eher undeutlich an jenen Stellen bleibt, wo von Waffen die Rede ist, weiß die strategische community, was gemeint ist: Satelliten, die durch Aufprall, Hochenergie-Laser oder gar mit metallenen Lanzen die Angreifer ausschalten. Daran wird seit den sechziger Jahren nach dem Motto "stop and go" gearbeitet; zuletzt sagte Bill Clinton "stop", jetzt will Rumsfeld wieder ein "go". Darauf hoffte wohl auch die Air Force, als sie Ende Januar in ihrem Space Warfare Center in Colorado Springs einen Krieg durchspielte, in dem "Rot" gegen "Blau" kämpfte - mit Killersatelliten und Cyber-Attacken.

Doch die schnurgerade Logik der Waffen und Antiwaffen hat politische Mängel. Der erste liegt in der Bedrohungsanalyse. Die Botschaft von "Rumsfeld I" lautete: Wichtig ist nicht, ob unsere Feinde uns mit Langstreckenraketen angreifen wollen; wichtig ist nicht einmal, ob ein solcher Angriff wahrscheinlich ist; was zählt, ist allein das Können. Über das Können gibt es durchaus Konsens; auch der deutsche Bundesnachrichtendienst hat im Oktober 1999 bestätigt, dass Raketen mit Massenvernichtungswaffen für Europa ein Risiko darstellen. Problematisch erscheint vielen Alliierten dagegen die Schlussfolgerung: Da wird jeder Staat, der an Raketen schraubt - im Kalten Krieg das militärische Statussymbol schlechthin -, zum Feind stilisiert.