Willi Sitte, der Vormaler parteilicher DDR-Kunst, wollte seinen 80. Geburtstag mit einer großen Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg feiern. Als aber der Verwaltungsrat eine Verschiebung des Termins beschloss, sagte Sitte die ganze Ausstellung ab. Dem Leiter des Museumsarchivs für Bildende Kunst, schon zu DDR-Zeiten ein Bewunderer des Künstlers, hatte Sitte 1993 ein Konvolut von Briefen und anderen Dokumenten übergeben. Auch ein Koffer voller Orden für Verdienste um den SED-Staat war dabei. Mit der Übernahme des Sitte-Archivs hatte das Museum eine Ausstellung von Werken und Dokumenten des Künstlers im Jahre 2001 vereinbart.

Davon erhielt der Verwaltungsrat erstmals im Dezember 1998 Kenntnis, als die Museumsleitung ihre Programmplanung vorlegte. Im Hinblick auf die außergewöhnliche Stellung dieses Malers als Präsident des Verbandes Bildender Künstler der DDR von 1974 bis 1988 und Mitglied des Zentralkomitees der SED hatte der Verwaltungsrat dem Projekt unter der Bedingung zugestimmt, dass eine kritische Präsentation von Willi Sittes Werk und Wirken erarbeitet wird. Da das Germanische Nationalmuseum keine Werkausstellungen einzelner Künstler veranstaltet, sondern Kunst im kulturgeschichtlichen Kontext erforscht und vermittelt, sollte es Ziel des Projektes sein, das Geflecht von Anpassung und Widerstand, von Mithilfe und Ablehnung in dem totalitären System offen zu legen.

Lob, Tadel, Verbot - der Chef entscheidet

Das Museum hatte einen Zusammenhang mit dem Geburtstag ausdrücklich zurückgewiesen und sich 1999 auf einen Vertrag geeinigt, in dem der Künstler unterschrieb, "dass die Ausstellung auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem Schaffen von Professor Sitte und seiner Rolle als Kunstfunktionär der DDR enthalten soll". Was aber der Verwaltungsrat bei seiner Sitzung am 6. Dezember 2000 kurz vor dem Drucklegungstermin über den Inhalt des Ausstellungskatalogs erfuhr, ließ eine kritische Präsentation nicht erwarten.

Das Dokumentarische beschränkte sich - mit einer Ausnahme, die als "Affäre Göschel" marginalisiert wurde - auf Sittes Archiv. Im Katalog sollten keine Autoren zu Wort kommen, die Sitte ablehnend gegenüberstehen. Dissidenten schieden gleich als parteiisch aus. Die Autorenliste wurde von Hermann Kant angeführt.

Nach eingehender Diskussion entschied sich der Verwaltungsrat im Interesse der historischen Wahrheit und all der Künstler, deren Leben und künstlerische Entwicklung vom Wirken des Verbandspräsidenten und ZK-Mitglieds Willi Sitte nachhaltig beeinflusst, eingeengt und auch beschädigt worden waren, die Ausstellung zu verschieben und unter Hinzuziehung kompetenter Institute erst einmal eine breitere zeitgeschichtliche Grundlage zu erarbeiten, die eine angemessene Auseinandersetzung mit diesem weit über den Künstler Willi Sitte hinausgreifenden Thema erfordert. Man kam mit der Museumsleitung überein, zunächst ein Symposium zu veranstalten und ein Ausstellungsprogramm mit weiteren ostdeutschen Künstlern zu entwickeln.

Die Nachricht von der Verschiebung der Sitte-Ausstellung, die aufgrund einer Fehlmeldung zunächst als Absage rezipiert wurde, weckte in der Öffentlichkeit erstaunliche Emotionen. Eduard Beaucamp, den ich als beharrlichen Kämpfer für die Qualität ostdeutscher Kunst schätze, rannte wochenlang im Feuilleton der FAZ gegen die vermeintliche Zensur an. Im Namen der Freiheit der Kunst schaffte er die wundersame Metamorphose des obersten Zensors der DDR-Künstler zu einem Opfer der Zensur. Ein sofort nach seinem ersten Artikel vom Stellvertretenden Verwaltungsratsvorsitzenden verfasster Leserbrief mit sachlicher Richtigstellung wurde von der FAZ ebenso wenig abgedruckt wie die Erklärungen des Generaldirektors. Die Medien überboten einander an Entrüstung: "Unglaublicher Eingriff! Bevormundung des Publikums! Moralische Arroganz! Üblicher Umgang des Westens mit DDR-Kunst!" Besonders bizarr war der Ruf aus Weimar: "Angriff auf die Freiheit der Ausstellungsmacher!", wo die Ausstellungsmacher vor zwei Jahren mit der unsäglichen Hängung der DDR-Kunst die Würde der Künstler aus dem Osten grob verletzt haben und man sich einen rechtzeitigen schützenden Eingriff verantwortlicher Stellen durchaus gewünscht hätte.