Wahrscheinlich war es nur die Erfindung eines reaktionären Satirikers, als behauptet wurde, im politisch korrekten Sprachgebrauch der Amerikaner dürften Diebe nicht mehr Diebe genannt werden, sondern nur noch "unkonventionelle Einkäufer" - "unusual shoppers". Dass aus Negern aber Farbige und dann Schwarze wurden, ist sicher bezeugt, und wer es heute wagt, Joseph Conrads Roman Der Nigger von der Narzissus öffentlich zu zitieren, riskiert auch bei uns leicht ein Presseratsverfahren - ganz ungeachtet des Umstands, dass Conrads Nigger ein christusgleicher Held ist. Krüppel sind heute Behinderte, ja "Menschen": Die Aktion Sorgenkind heißt längst Aktion Mensch. Als - erinnert sich noch jemand daran? - in der frühen Kohl-Ära ein Bundeswehrgeneral namens Kießling homosexueller Kontakte überführt werden sollte, da sprach der damalige SPD-Vorsitzende Vogel von den Schwulen als "jenen Menschen". Die Schwulen haben inzwischen ihren alten Schimpfnamen gesellschaftlich durchgesetzt, was den armen Krüppeln bisher nicht gelingen will. Sie müssen vorerst Menschen bleiben.

Als die amerikanische Diplomatie vor einem halben Jahr die Bezeichnung "Schurkenstaat" - "rogue state" - durch das Label "Sorgenstaat" oder "Problemstaat" - wie immer man den Ausdruck "state of concern" übersetzen will - ersetzte, da wollten die Kommentatoren darin einen Einbruch ins manichäische Weltbild der Amerikaner erkennen, eine Abmilderung ihres moralisierenden Blicks. Das war sehr naiv gedacht, denn es verkannte das pädagogische Schreckenspotenzial, das auch in dem sanfteren Begriff schlummert. Schurken muss man züchtigen, Sorgenkinder aber zur Not erziehen

und wer nicht hören will, muss fühlen. Bomben über Bagdad, die noch vor einigen Jahren einfach der Einschüchterung dienen sollten, müssten heute, so kann man argwöhnen, ihre Empfänger auch bessern. Die neue Bezeichnung verbessert auf jeden Fall die Gefühle des Erziehungsberechtigten, und sie erweitert seine Handlungsspielräume: Mit Schurkenstaaten kann man schlecht Handelsverträge abschließen, mit Sorgenstaaten aber vielleicht doch.

Diese Dialektik hat Europa längst in aller Ausführlichkeit durchgespielt.

Irgendwann hat es den Glaubenskrieg, in dem alles erlaubt war, durch den begrenzten Interessenkonflikt ersetzt, bis dann im "Weltbürgerkrieg" das Muster des religiösen Kampfs zurückkehrte. Sonderbarerweise aber waren die Ungläubigen bald weniger schlimme Feinde als die Andersgläubigen: Mit den Türken gab es immer harte Kämpfe, aber effiziente diplomatische Kontakte

die Protestanten dagegen bekehrte man, man vertrieb sie, oder man rottete sie einfach aus. Als Ronald Reagan vom "Reich des Bösen" sprach, kam das Ende des Kalten Krieges. Die Problemstaaten werden wohl noch lange zur Sorge Anlass geben.