Bei den Beweisaufnahmen brauchen die Richter, Ankläger und Verteidiger vor dem Jugoslawien-Tribunal in Den Haag gute Nerven. Bis ins Detail beschreiben die Anklageschriften die Gräueltaten während der Bürgerkriege im ehemaligen Jugoslawien, die juristischen Termini lauten: Völkermord, Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, schwere Verstöße gegen die Genfer Konventionen.

Ein halbes Jahrhundert nach den Nürnberger Prozessen und dem Kriegsverbrecher-Tribunal von Tokyo gegen japanische Politiker und Militärs machte sich die Staatengemeinschaft 1993 erstmals wieder an die Verfolgung der schwersten Verbrechen, die das Strafrecht kennt. Der UN-Sicherheitsrat etablierte das Tribunal auf Anregung Frankreichs und des Europarates mittels einer strittigen Interpretation der UN-Charta: Danach steht das Gericht als "friedensschaffende Maßnahme" etwa mit Wirtschaftssanktionen völkerrechtlich auf einer Stufe.

In seinen ersten Jahren hatte das Tribunal nicht nur mit juristischen Problemen zu kämpfen, es fehlte auch an Geld und Personal. Bereits gebuchte Dienstreisen, bei denen Zeugen vernommen werden sollten, mussten aus Geldnot abgesagt werden. Inzwischen ist die Lage besser: Verfügte das Tribunal 1994 lediglich über 11 Millionen Dollar, waren es im letzten Jahr knapp 96 Millionen aus dem UN-Haushalt.

Wie seine historischen Vorläufer in Nürnberg und Tokyo versucht sich auch das Haager Tribunal auf die Hauptkriegsverbrecher zu konzentrieren. Bislang müssen sich aber nur Angeklagte, die keine große Verantwortung trugen, vor einer der drei Strafkammern verantworten. Zurzeit sitzen drei Dutzend Angeklagte aus den Bürgerkriegsgebieten des ehemaligen Jugoslawien im Scheveninger Gefängnis. Vier Verdächtige wurden vorläufig aus der Haft entlassen. Bislang hat die Anklagebehörde um die Schweizer Chefanklägerin Carla del Ponte 98 Personen beschuldigt, Grausamkeiten, oft euphemistisch als "ethnische Säuberungen" beschrieben, verübt zu haben. Die Strafen, welche das Tribunal verhängen kann, sind - im Gegensatz zu den meisten nationalen Strafgesetzen - nicht schriftlich festgelegt. Bei ihren Urteilen orientieren sich die Haager Richter aber an den Gesetzen des ehemaligen Jugoslawien. Die Todesstrafe wird nicht verhängt. Bislang wurden fünf Verfahren rechtskräftig abgeschlossen.

Beim Vollzug ihrer Urteile sind die Haager Richter auf die Mitarbeit der UN-Mitgliedstaaten angewiesen. Zwei der rechtskräftig Verurteilten verbüßen ihre Freiheitsstrafen in Finnland, einer in Norwegen. Der Serbe Dusko Tadic wurde im Februar 1994 in München von einigen seiner Opfer wiedererkannt, von der Polizei festgenommen und als erster Angeklagter nach Den Haag ausgeliefert. Tadic, der wegen fünffachen Mordes und Folter im berüchtigten Lager Omarska zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, verbüßt seine Strafe in einem deutschen Gefängnis.

Seit Mitte 1997 weist die Statistik des Tribunals mehr und mehr Erfolge auf.

Innerhalb einiger Monate nahmen Ermittler und Soldaten der Friedenstruppe SFor fünf mutmaßliche Kriegsverbrecher fest. Die Fahnder führen ihre Erfolge nicht zuletzt auf die ungewöhnliche Strategie geheimer, "verdeckter" Anklagen zurück, eine Besonderheit zum Beispiel gegenüber dem deutschen Strafprozessrecht, in dem Angeschuldigten grundsätzlich vor einer Anklage rechtliches Gehör gewährt werden muss.