die zeit: Sir Robert, Sie waren fünf Jahre lang Chief Scientific Advisor der britischen Regierung, Großbritanniens oberster Wissenschaftler. Was war Ihre wichtigste Erfahrung?

Robert May: Zu erkennen, dass die früher übliche Art der Politikberatung heute nicht mehr funktioniert. Traditionellerweise fand diese Beratung hinter verschlossenen Türen statt, in einem engen Zirkel von Bürokraten, Politikern und einigen bekannten und wohlgelittenen Wissenschaftlern, die ihre Ansichten vertraulich den Ministern weitergaben. Das Ergebnis dieser Expertenrunde wurde dann als Konsens der Öffentlichkeit präsentiert. So geht es nicht mehr!

zeit: Hat diese Einsicht mit dem Versagen der britischen Politik in der BSE-Krise zu tun?

May: Auch. Obwohl ich fairerweise sagen muss: Die BSE-Krise in Großbritannien war vor meiner Zeit, vielleicht hätte ich dieselben Fehler gemacht. Aber mit der Klarheit der Rückschau kann man feststellen: Die Experten haben damals die Gefahr nach bestem Wissen beurteilt. Schließlich gab es schon seit Hunderten von Jahren eine ähnliche Krankheit bei Schafen, Scrapie, die nie auf Menschen übersprang. Daher hielten die Wissenschaftler auch im Falle des Rinderwahns das Risiko für höchst gering. Doch im politischen Diskurs wurde aus dem gut begründeten Urteil, Rindfleisch sei "fast sicher" dann bald ein falsches "völlig sicher" - mit den bekannten katastrophalen Konsequenzen.

zeit: Welche Lehren ziehen Sie daraus?

May: Wir haben Richtlinien für wissenschaftliche Beratung erlassen, die einen möglichst offenen Dialog fordern: Probleme sollten so früh wie möglich identifiziert werden, die Daten jedem zugänglich sein, und es sollte sichergestellt werden, dass ein breites Spektrum an Meinungen gehört wird - auch von Leuten, die nicht unbedingt Experten sind. Und all dies muss offen publiziert werden. Ich hoffe, dass wir heute in einem ähnlichen Fall anders handeln würden

dass wir der Öffentlichkeit sagen würden: Nach unserem derzeit besten Wissen ist Rindfleisch ungefährlich - aber wir sind nicht sicher, und ihr müsst eure Entscheidung selbst treffen.