Man stelle sich vor, es ist Krieg, und keiner sieht hin. Nein, es geht nicht um eines der üblichen Scharmützel irgendwo in der Dritten Welt, die man getrost ignorieren könnte. Hier ist von einem großen Krieg die Rede, vom größten, vom verheerendsten, der in unseren Tagen stattfindet. Von einen Krieg, der wie ein Mahlstrom das gesamte Zentrum eines Erdteils erfasst hat.

Der weit über zwei Millionen Männer, Frauen und Kinder entwurzelt und bis dato 1,7 Millionen Menschenleben ausgelöscht hat.

Würde sich dieser Krieg in einer bedeutsamen Weltgegend ereignen, auf dem Amselfeld zum Beispiel oder im Sinai, wir könnten ihn allabendlich in der Tagesschau verfolgen. Aber er geschieht im Kongo, unten, weit in Afrika, auf einem Kontinent, den der Rest der Welt als hoffnungslosen Fall abgeschrieben hat. Zudem handelt es sich um ein unübersichtliches, komplexes Geschehen, in dem sich die Krisen und Konflikte der gesamten Großregion überlappen oder verzahnen: die Bürgerkriege in Uganda, Burundi und Angola, die Nachwehen des Völkermordes in Ruanda, die Erbfolgekriege im Kongo.

Sieben Staaten schießen mit und sieben Rebellenbewegungen, 200 000 Kombattanten, vielleicht mehr, so genau wissen das nicht einmal die Militärexperten. Hinzu kommen Söldner aus Belgien, Südafrika, Serbien und, 400 Mann stark, ein Korps aus Nordkorea. Hinter den Fronten laufen zahllose Unterkriege, Massaker, Gegenmassaker. Da kämpfen in wechselnden Bündnissen flüchtige Massenmörder, gemeine Banditen, versprengte Soldaten aus geschlagenen Armeen. Dazwischen Kindersoldaten, zwangsrekrutiert und so skrupellos wie alte Landsknechte. Und tribalistische Milizen, die sich, besprenkelt mit magischem Wasser, für unverwundbar halten. Die Kriegsschauplätze liegen auf einem Gebiet von den Ausmaßen Westeuropas verstreut, in einer unwegsamen, von Flüssen durchäderten Waldwildnis, die in einen Zustand präkolonialer Unentdecktheit zurückgesunken ist.

Ist es verwunderlich, wenn sich mancher Chronist aus dem Norden wie in einem Oorlog vorkommt, in einem mittelalterlichen Krieg? Wir lesen von Stammesfehden und Blutritualen und, horribile dictu, von der Wiederkehr der Menschenfresserei. Keine Depesche, die nicht auf das Herz der Finsternis verwiese, auf Joseph Conrads meisterhafte Erzählung über den Allmachtswahn und die Grausamkeit des weißen Mannes, deren Titel zum klassischen Klischee über Afrika verdreht wurde: gewalttätig, primitiv, finster - so kennen wir den Kongoneger seit Kaiser Wilhelms Zeiten!

In der Regel werden die Wirren, die zu analysieren die Katastrophenreporter vorgeben, erst durch sie erzeugt. Der Krieg im Zentrum Afrikas mag archaisch anmuten, aber er wird mit modernstem Gerät geführt, mit Computer, Infrarot und Satellitentelefon. Es ist ein politischer Konflikt um die staatliche Neuordnung Mittelafrikas und zugleich eine wirtschaftliche Verteilungsschlacht im Zeitalter der Globalisierung. Denn in den Nachschublinien wirken Herren in Nadelstreifen, Waffenhändler, Börsenspekulanten, Finanzjongleure, Rohstoffmagnaten. Vermutlich hat Madeleine Albright, die amerikanische Ex-Außenministerin, die transnationalen Verstrickungen mitgedacht, als sie den Flächenbrand zwischen den Nilquellen und der Kongomündung den "ersten afrikanischen Weltkrieg" nannte. Sie wurde seinerzeit belächelt.

Das Palais de Laeken, die Arcades du Cinquantenaire, das Château d'Ardennes: Belgiens koloniale Prachtarchitektur - gebaut auf abgehackten Händen. Es waren die Gliedmaßen jener kongolesischen Arbeitssklaven, die das Soll beim Kautschuksammeln nicht erfüllten. Aus dem klebrigen Baumharz wurde einst Gummi erzeugt