Einst war die Freude groß. Rezzo Schlauch, Fraktionsführer der Grünen, sprach von einem geradezu historischen "Gesellschaftsvertrag". Gunda Röstel, damals noch Grünen-Sprecherin und mittlerweile in die Reihen des Atomkonzerns E.on abgewandert, jubelte die Sache zu einem Sieg "Davids gegen Goliath" hoch. Mitte Juni des vergangenen Jahres war das - Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte sich gerade mit den Vorstandschefs der größten deutschen Stromkonzerne auf den Atomkonsens verständigt.

Der Grünen Wunsch und die grausame Wirklichkeit: Inzwischen zeigt sich, wie wenig Schröders Deal tatsächlich wert ist. Erstens konnten der Kanzler und seine Mitstreiter die Atomkritiker nicht ruhig stellen. Zweitens gelang es ihnen bisher nicht einmal, den Streit zwischen Politik und Wirtschaft wirklich zu beenden. Vielmehr liegen - von der Öffentlichkeit kaum bemerkt - Minister und Manager wegen der leidigen Nuklearfrage nach wie vor im Clinch.

"Ein ziemlicher Eiertanz", so Klaus G. Wertel, Sprecher der Energie Baden-Württemberg (EnBW).

Dabei haben die AKW-Betreiber nach eigenem Bekunden wenig Grund zur Klage.

Schon unmittelbar nach dem Treffen zwischen Schröder und den vier Unternehmensoberen äußerte sich der E.on-Chef Ulrich Hartmann zufrieden über die "pragmatische Vereinbarung über den Weiterbetrieb und die Entsorgung der deutschen Kernkraftanlagen". Durch einen "Trick" bei der Berechnung der noch erlaubten Strommengen, verriet er damals der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, seien den 19 Meilern tatsächlich insgesamt "34 bis 35 Betriebsjahre" vergönnt - und nicht, wie der Wortlaut des Atomkonsenses glauben macht und Rot-Grün gerne behauptet, nur 32 Jahre. Das Atomforum, Hort aller Nuklearfreunde, legte kürzlich nach. Als wolle man Greenpeace & Co. bewusst provozieren, feierte die nuclear community die Atomkonsens-Abmachung als "Vereinbarung über den langfristigen Betrieb der Kernkraftwerke in Deutschland". Kein Wunder, dass Wolfgang Ehmke, dem Sprecher der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg, zum Atomausstieg vor allem zwei Worte einfallen: "Alles Lüge."

Der Konsens ist nicht mehr als ein Gentlemen's Agreement

Besonders peinlich für Jürgen Trittin: Während der grüne Umweltminister die demnächst fälligen Castor-Transporte mit Hinweis auf den Atomkonsens verteidigt und sogar Ärger in den eigenen Reihen in Kauf nimmt, fehlt selbst der für die Atomkritiker enttäuschenden Vereinbarung noch jede bindende Wirkung. Bisher hat das 13 Seiten lange Papier lediglich den Status eines Gentlemen's Agreement, paraphiert von den Unterhändlern der AKW-Betreiber.