Ich bin Achologe. Die Achologie ist keine verbesserte Variante der Archäologie. Die Achologie ist eine Wortkunst, die sich darauf beschränkt, immer dasselbe Wort an immer anderen Stellen auszugraben und es dann vorzuzeigen. Das Wort heißt "ach", und einem der schönsten seiner Exemplare bin ich in einem von Herbert Schnierle-Lutz herausgegebenen insel taschenbuch begegnet. Das Buch trägt den Titel Jeder Morgen will Abend werden.

Betrachtungen über die Vergänglichkeit.

Darin steht eine Miniatur von Tucholsky: Mein Nachruf. Sie umfasst im Taschenbuch acht Zeilen, in denen kein Wort überflüssig ist. Man müsste daher den Nachruf vollständig zitieren, um der Bedeutung des Schluss-Achs innezuwerden. Ich muss es aber kurz machen: Ein Ehepaar vertreibt sich die Zeit mit Zeitungslektüre. Plötzlich sagt er: "Denk mal, der Theobald Tiger ist gestorben!" Darauf spricht sie den Nachruf auf Theobald Tiger. Sie sagt in einer neuen Zeile:

"Ach -!"

Es ist ein anderes "ach" als das berühmteste, als das der Alkmene, mit dem Kleists Amphitryon ausklingt. Dort ist es ein wunderbarer Ton aus menschlicher Kreatürlichkeit und höchster Kultiviertheit. Im Übrigen teilt es das Rufezeichen mit Tucholskys Nachruf, kommt aber ohne Gedankenstrich aus.

Bei Tucholsky besagt das "ach", dass der berühmte Theobald Tiger, wenn er einmal tot sein wird, seinem kleinbürgerlichen Publikum nur eine vergebliche Geste, einen sentimentalen Laut entlocken kann. Der Ruhm, der vergeht, beruht auf der Gleichgültigkeit, in der Menschen einander durch Zeitungen, durch "die Medien" verbunden sind. Ist einer tot, der eine Zeit lang unsere Aufmerksamkeit fesselte, zuckt man mit der Achsel. Dem Journalisten flicht die Nachwelt keine Kränze, und deshalb muss er es zu Lebzeiten umso schlimmer treiben.

Das Geheimnis des "ach" rührt daher, dass nur ein Buchstabe es von "ich" unterscheidet. Das Ich ist sich seiner Vergänglichkeit bewusst. Manchmal geht es in diesem Bewusstsein auf und verliert sich darin. Auf Erden sei nur der Wandel ewig. Das sagt auch Hesse, für den der Herausgeber eine Vorliebe zu haben scheint: "Jede Blüte will zur Frucht, / Jeder Morgen Abend werden, / Ewiges ist nicht auf Erden / Als der Wandel, als die Flucht."