Vielleicht kann er zaubern. Denn irgendwann verstehen alle, die in der nüchternen Stadthalle von Gütersloh sitzen, die russische Sprache noch besser, als sie im Programmheft übersetzt ist. Sie wissen genau, wo die Sängerin "Fieber" singt. Und "Ich habe Durst nach Dir" - die Raserei dieses Satzes erfasst einen wie von innen, nicht berauschend, sondern glasklar.

Wie György Kurtág das macht, kann man in den Noten zu sehen. Das Fieber wächst in kreisender Bewegung und chromatisch. Zuerst verbindet die Sopranistin A und Gis, dann kommen Fis und Eis dazu, bald reicht die Kette bis zum Des herunter, zum feinen Glühen von Horn und Viola kommen weitere Instrumente, die horizontale Struktur kippt um und reißt auf. Aber man hört mehr als das. Die Musik ist so genau und empfindsam gebaut, dass man beim Hören sehr weit in sie vordringen kann bis dorthin, wo Ton und Text identisch und Noten noch Notizen sind. Und noch weiter. Brennende, schamfreie Liebeslyrik der Russin Rimma Dalos hat Kurtág zusammengefasst zu den 21 Botschaften der entschlafenen R. V. Trusova, die mit der Musikfabrik NRW jetzt in Gütersloh zu hören waren.

Es war ein kleines Festival für einen großen Komponisten. Als Pierre Boulez vor 20 Jahren den Trusova-Zyklus uraufführte, den er selbst in Auftrag gegeben hatte, wurde Kurtág vom Geheimtip zum Musiker von Weltrang. In dieser Woche ist er 75 geworden. Im just erschienenen neuen Grove-Musiklexikon wird ihm achtmal mehr Platz eingeräumt als im alten. Hörer, Musiker und Kritiker rühmen Kurtágs Wahrhaftigkeit und sein präzises Handwerk. Er sei "auf sehr komplexe Weise einfach", sagt György Ligeti. Man staunt, hat man Kurtágs Musik erst mal entdeckt, wie viele schon zum gleichen Befund gekommen sind: dass hier der Bruch zwischen Tradition und Moderne gleichsam "geheilt" scheint.

In Stele von 1994 klingt das Orchester, als seien die Diskussionen über die Antiquiertheit dieser Besetzung schon von gestern. Während sich in Gütersloh das SWR-Sinfonieorchester mit Schuberts Unvollendeter langweilte, war es bei Kurtág hellwach. Unter Hans Zenders Dirigat schien es im letzten Satz zu atmen, wo sich Sechzehntelquintolen taktweise abwechseln mit liegenden Klängen. Ein. Aus. Ein. Aus. Bis einfach Schluss ist.

Aber so einfach ist es nicht. Der Eindruck des Körperlichen entsteht auch aus den Klangfarben. Sie werden bis in kaum hörbare Details ausgeleuchtet, mit einer "Stricknadel, extra dünn" wünscht der Komponist zum Beispiel einen Paukenton gespielt zu hören. Krakelig, aber lesbar hat er die Anweisung in seine Partiturskizze gezwängt, die einer Grafik gleicht, einem Netz von Notizen, die weniger einen Zeitfluss erkennen lassen als das emsige Erforschen verborgener Schichten.

Das Wunderbare ist, wie aus so fuchsbauartiger Vernetzung, solcher ans Verbohrte grenzenden Akribie ein schlackenloses, organisches Klanggebilde entsteht, in dem alles, was man wahrnimmt, seltsam einleuchtet. Nicht nur, weil "die Idee von der Schreibweise getragen wird", wie Boulez über seinen Zeitgenossen sagt. Idee und Schreibweise knüpfen auch an ältere Musikerfahrungen an. An vertraute Orchesterfarben, an Techniken wie Imitation und Abwechslung, an das Sprachliche, Mitteilende noch der kleinsten Note.

Kurtág ist kein Zertrümmerer, aber die Zertrümmerer haben ihn angeregt, sich noch mal alles, was Klang ist, von vorn, von unten, aus der Nähe zu besehen.