Berlin

Der Anfang war Skepsis: So groß wie die Krise, so unkundig und milieufremd erschien die Berufene, die sie bewältigen sollte. Zwischen den Lobbys und Bürokratien, im Dschungel aus Interessen, Subventionen und Zuständigkeiten, würde sie sich schnell verlaufen. Man sah es förmlich schon verschwinden, das Rotkäppchen aus der Großstadt, im Dickicht des agrarindustriellen Systems. So war das, als Renate Künast vor nicht einmal zwei Monaten als Ministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft ihr neues Haus betrat.

Und jetzt ist eben alles anders: Ein Glücksfall für die rot-grüne Regierung, denkt sich der Kanzler, ein Glücksfall für die Grünen, freut sich Fritz Kuhn, der zurückgebliebene Teil der grünen Doppelspitze. Und man wundert sich schon nicht mehr, wenn auch Gerd Sonnleitner, oberster Bauernlobbyist des Landes, eilfertig sein Scherflein beiträgt: Ein Glücksfall ist Renate Künast auch für die deutschen Bauern. Die Geschwindigkeit ihres Aufstieges zur beliebtesten Ministerin der Republik ist atemberaubend, wie es sonst nur die Abstürze aus dem Gipfel der Popularität sind. Ist ihr schon schwindlig? "Nee", sagt die Neue. "Aber Vorsicht ist angebracht."

Keine Krise der jüngeren Zeit fällt einem ein, die alle so direkt und alltäglich betrifft wie die Frage, was man noch guten Gewissens essen kann.

Die Lebenswelt jedes Einzelnen ist tangiert, die Politik ist gefragt und - man ahnt es - mit der BSE-Krise heillos überfordert. Und dann kommt da die neue Ministerin, energiesprühend, respektlos, anscheinend durch nichts einzuschüchtern, und erklärt, das Problem sei zu bewältigen. Und nicht nur das. Am Ende des mühsamen Weges soll etwas Neues stehen: eine ökologisch und ethisch verantwortbare Landwirtschaft, deren Produkte wieder ein Genuss sind.

"Das dauert Jahre, was wir da machen", bekennt die Ministerin immerzu. Das ist zurückhaltend gemeint. Aber die Verbraucher, denen so unbehaglich geworden ist, also fast alle, denken gar nicht an die langen Fristen.

Hauptsache, die Politik "macht" etwas. Und, wer da "macht", allabendlich auf allen Kanälen präsent, das ist die Neue: Sie redet die Probleme nicht klein, aber sie verbreitet Zuversicht, sie verspricht keine schnellen Erfolge, aber sie beschreibt einen Weg. Und ein Ziel. Fast zu schön, um wahr zu sein. Ließe sich das Wort von der "Krise als Chance" personifizieren, es gäbe keine bessere Besetzung in diesen Tagen.