Washington

Alle vier Jahre fragen die amerikanischen Militärchefs nach der Zukunft ihres Handwerks. Im Quadrennial Defense Review entwickeln die besten Experten dann in der Regel seitenlange Szenarien, Berechnungen und Vorschläge. Die Ausgabe 2001 aber beginnen sie mit der Geschichte der sibyllinischen Prophezeiungen: Die Römer fragen ein Orakel nach der Zukunft ihres Weltreiches. In neun Büchern gibt die Wahrsagerin Auskunft, doch den Römern ist der Preis dafür zu hoch. Voller Wut wirft die Deuterin drei Bände ins Feuer, und als die Römer weiterverhandeln wollen, die nächsten drei. Schließlich bekommt sie die geforderte Summe und übergibt die letzten drei Bücher - doch denen ist nichts mehr zu entnehmen.

Amerika, so viel macht der Rückgriff auf die Mythologie klar, sucht nach neuen Grundsätzen seiner Außen- und Verteidigungspolitik. Präsident George W.

Bush setzte in der vergangenen Woche das erste Zeichen: Bomben gegen den Irak. "Reine Routine", behauptete er anschließend. Seine spin doctors, die Meinungsmacher im Hintergrund, ergänzten: Dies sei keine neue Politik, auch Clinton habe schließlich kurz nach seinem Amtsantritt den Irak bombardiert.

Die Zielradarsysteme der irakischen Luftabwehr seien hartnäckig gegen britische und amerikanische Patrouillenflugzeuge eingesetzt worden, was eine starke Antwort erfordert habe.

Doch so einfach liegen die Dinge nicht. Erst Mittwoch vergangener Woche hatte Außenminister Colin Powell bei seinem Antrittsbesuch bei den Vereinten Nationen wortreich versichert, man überprüfe derzeit die Strategie gegenüber dem Irak und dem Nahen Osten - und zwar als verantwortungsbewusstes Mitglied der Vereinten Nation. Zwei Tage später fielen die Bomben. Gutwillige Beobachter interpretieren das als "guter Bulle, böser Bulle"-Spiel. Während das State Department mit der sanften Sprache der Diplomatie bei den Freunden um Vertrauen werbe, strafe das Pentagon die Schurken ab. Andere sehen bereits erste Anzeichen mangelnder Kooperation und möglicher Machtkämpfe zwischen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und Außenminister Colin Powell.

"Die weltanschaulichen Unterschiede im Bush-Team haben schon zum Streit über die drei wichtigsten außenpolitischen Probleme geführt: über den Irak, den Balkan und China", schrieb Lawrence F. Kaplan Anfang Februar in der Zeitschrift New Republic. Seither überbieten sich Beobachter in Washington mit Spekulationen: Wer wird in weltpolitischen Fragen künftig den Kurs bestimmen? Der eher zurückhaltende Exgeneral Colin Powell, der ebenso wie die neue Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice militärischen Interventionen eher skeptisch gegenübersteht? Oder Vizepräsident Dick Cheney, der sich im Kalten Krieg den Ruf eines Falken erworben hat und nun gemeinsam mit seinem ehemaligen Mentor, dem neuen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, und seinem langjährigen Vertrauten Paul Wolfowitz, dem Staatssekretär im Verteidigungsministerium, ein mächtiges neokonservatives Triumvirat bildet?