Es gab Epochen, da wimmelte es nur so von Göttern. Sie lebten auf dem Olymp oder im Himmel, in einem ätherischen Raum, der allen Irdischen verschlossen blieb.

Heute sind die Götter rar. Dafür existiert ein Raum jenseits von Materie und Leid, und er verspricht Erlösung und Magie, die jedem Erdenbürger mit Internet-Anschluss zur Verfügung stehen soll: der Cyberspace.

Der Cyberspace befreie, von "der blutigen Schweinerei organischer Materie", erklärt uns Marvin Minsky, MIT-Professor und Altmeister der KI-Forschung.

Wired-Chefredakteur Kevin Kelly gibt vor, "Seelendaten" aus dem Raum zu beziehen. Der Roboterforscher Hans Moravec glaubt im Cyberspace Unsterblichkeit zu finden, und der Computerwissenschaftler und derzeitige Chefutopist der Szene, Ray Kurzweil, sagt die totale und befreiende Verschmelzung menschlichen Geistes mit denkenden Maschinen voraus.

Für die australischamerikanische Mathematikerin, Physikerin und Autorin Margaret Wertheim ist diese cyberreligiöse Träumerei, die längst auch deutsche Tageszeitungs-Feuilletons infiziert hat, nur der neueste Abschnitt einer weit zurückreichenden abendländischen Kultur. Dahinter verberge sich nichts anderes als der Wunsch nach ewigem Leben und himmlischem Paradies, der schon die dekadenten und spirituell verarmten Römer der Spätantike in Massen zur Christengemeinde habe überlaufen lassen. Heute, zu Zeiten der Globalisierung, in einer Phase gesellschaftlicher Auflösung und ökologischen Zerfalls sei die extreme Popularität des Netzes die neue Antwort auf das "tiefe psychosoziale Vakuum" der Menschen.

Eine schräge These. Wertheim versucht sie in ihrem Buch Die Himmelstür zum Cyberspace mit der Kulturgeschichte des Raumes zu untermauern. Schließlich hat sich die Vorstellung der abendländisch geprägten Menschheit von diesem schwer zu definierenden Bereich immer wieder radikal verändert: Bis ins Mittelalter gab es einen Raum, den ein jeder mit Mythen und Metaphysik füllen konnte, wie es ihm gefiel. Dort war Platz für Götter, Engel und Teufel. Der mittelalterlich-christliche Seelen-Raum, wie Dante ihn schildert, war in Hölle, Fegefeuer und Himmel gegliedert. Es gab nur oben und unten.

Dann kamen die Renaissance-Maler, die ihren "perspektivischen" Bildern eine schockierend realistische dritte Dimension gaben. Die Basilika San Francesco in Assisi sei nichts als ein virtueller Raum, geschaffen, um die Betrachter in die Welt des heiligen Franziskus zu entführen, schreibt Wertheim. Die Arena-Kapelle Giottos mit ihren überwältigend körperlichen Bildern offenbare "Virtual reality", die einen Besucher glauben lasse, es handele sich auf den Abbildungen um leibhaftige Personen.