Das beschriebene Seminar für Berliner Busfahrer geht von der Fiktion "schwierige, grobe und renitente Fahrgäste" aus, die höflich, zuvorkommend und geduldig behandelt sein wollen. Die raue Wirklichkeit lehrt mich täglich, dass es genau umgekehrt ist.

Wir Fahrgäste betreten einen Bus durchweg in demütiger Haltung, wollen alles richtig machen - und machen alles falsch! Wir wünschen "guten Abend" und ernten einen genervten Blick. Wir schleichen uns ohne Gruß am Fahrer vorbei, und durchs Mikro brüllt es: "Wenn ich irgendwo reinkomme, sage ich guten Abend!" Wir sind behindert, gehen am Stock und möchten den Bus durch die vordere Tür verlassen. Jetzt gibt es mehrere Möglichkeiten, die - ich sage es gleich - alle falsch sind: Ich frage freundlich, ob ich vorn aussteigen darf, und erhalte eine positive Reaktion - den schon erwähnten genervten Blick. Ich frage nicht. Schließlich hat der Fahrer ja gesehen, dass ich mühsam am Stock gehe. "Könnse nich fragen?", brüllt es hinter mir her, "die Schnauze wird ja wohl noch in Ordnung sein!" Und bloß nie den Fehler machen und fragen, ob man vorn aussteigen "kann" - darauf hat der Fahrer nur gewartet! "Kann ich doch nich wissen, ob Sie datt könn!", ist die witzige Antwort. Der ganze Bus ist erheitert, man will sich gut stellen mit dem Humoristen am Steuer - könnte man doch selbst das nächste Opfer sein. Eigentlich müsste es die ganz anderen Seminare geben, die für die Fahrgäste. Die, in denen wir lernen, die Stimmung der Fahrer beim Betreten des Busses richtig einzuschätzen, keine überflüssigen Fragen (das sind alle) zu stellen und an unserer Unsichtbarwerdung zu arbeiten. Denn eigentlich lieben Busfahrer ihren Beruf sehr - nur die Fahrgäste stören.

Natürlich habe ich auch die berühmten Ausnahmen kennen gelernt. Gern denke ich an jenen Heiligen am Steuer zurück, der auf das Ansinnen einer alten Dame, sie mit dem Bus zum Flugplatz zu bringen, am nächsten Taxistand anhielt und ihr freundlich erklärte, warum er nicht mehr für sie tun könne.

Mechthild Siepmann Berlin