Mitten im Lachen die Einsamkeit

Der Bräutigam trägt einen eleganten Anzug, der zweifellos maßgeschneidert ist. Er hält den rechten Arm leicht abgespreizt, damit die Braut, die die Augen zu Boden gesenkt hat, ihn ergreifen kann. Der Mann sieht genau in die Kamera, mit einem Blick, den man fast als listig bezeichnen könnte, einem Blick geheimen Einvernehmens, als wüsste der unsichtbare Fotograf, dass es sich hier um eine merkwürdige Scharade handelte und nicht um eine wirkliche Hochzeit. Gleich wird das frisch getraute Paar aus der Privatkapelle der Brauteltern in ein Leben schreiten, in dem sich ihre Wege tausendmal trennen werden, ein wilder Mückentanz über sämtliche Kontinente, der andauern wird, bis sein langsames Sterben sie wieder, und nun zum letzten Mal, vereint. Auf späteren Fotos wird dieser Mann nie mehr so gut gekämmt sein. Auf ihnen wird er aussehen wie ein Faun, wie ein verspäteter Musketier mit Schnauzbart, ein Verführer, ein müder Entdeckungsreisender, doch immer wird er direkt und gebieterisch in die Kamera schauen, wie manche Menschen in den Spiegel schauen, um eine Bestätigung für ihre Existenz zu finden. Wer sich viel mit Fiktion beschäftigt, hat seine Gründe, an der Echtheit von allem, einschließlich seiner selbst, zu zweifeln.

Fünfundzwanzig Jahre alt ist der junge Mann aus der englischen Mittelschicht.

Er hat sich im Auktionshaus Sotheby's rasend schnell einen brillanten Namen gemacht und gilt trotz fehlender kunsthistorischer Ausbildung schon jetzt als jemand, der einen unfehlbaren Blick für Qualität und Echtheit besitzt, genauso wie für deren Gegenteil, die Fälschung. Er hat noch kein Wort geschrieben und weiß auch noch nicht, dass er das tun wird, er heiratet in die amerikanische Aristokratie ein und hat allem Anschein nach eine glänzende Zukunft vor sich. Als er dreiundzwanzig Jahre später, im Jahr 1989, stirbt, ist er gerade 49 Jahre alt, weltberühmt als Schriftsteller, eine Legende und ein Stein des Anstoßes, der Widerspruch in Person. Homosexuell und nicht homosexuell, Archäologe und kein Archäologe, Nomade und doch wieder keiner, ein Fantast, der sein eigenes Leben stets von neuem erfand mitsamt allen dazugehörenden Requisiten, ein Mann mit vielen Leben und doch nur einem einzigen, und dieses eine Leben ist nun Gegenstand einer mehr als 800 Seiten umfassenden Biografie, zu lang und zugleich zu kurz. Irgendwo zu Beginn von Antonia Byatts im vergangenen Jahr erschienenen Roman The biographer's tale unterhält sich die Hauptfigur mit einem Literaturprofessor über die Frage, was eine Biografie denn eigentlich sei. Der Professor bemerkt dazu, bei der Biografie handele es sich um eine gering geachtete Gattung, sei es doch eine Kunst, die aus dem Arrangieren von Fakten bestehe. Der Frager, der gerade beschlossen hat, sein Literaturstudium an den Nagel zu hängen, antwortet darauf, er halte das Schreiben von Biografien für eine Hybridform, etwas für Amateure, Geschichten, erzählt von Leuten, die sich nicht wirklich etwas ausdenken können, einfach gestrickte Storys für Leser ohne kritischen Blick, eher Klatschgeschichten als sonst irgendetwas.

"Da ist etwas dran", gibt der Professor zu, "aber es wäre doch gut, sich zweierlei vor Augen zu halten. Erstens ist Klatsch ein essenzieller Bestandteil menschlicher Kommunikation und als solcher nicht zu vernachlässigen. Und zweitens: Eine große Biografie ist etwas Nobles. Kein menschliches Wesen gleicht dem anderen, denken Sie darüber mal nach. Wir sind keine Klone. Von der Eizelle bis zum endgültigen Verfall ist jeder von uns einzigartig. Was kann schöner (nobler) sein, als mithilfe einer Biografie einen ganzen Menschen, ein ganzes Werk zu erschließen? Über welche - wissenschaftlichen, intellektuellen, psychologischen und geografischen - Qualitäten muss man nicht verfügen, um so etwas zu bewerkstelligen?"

Und genau das ist die Frage. Wie kann man einen Menschen erschöpfend beschreiben? Ich bin alt genug, um bereits Biografien von Menschen (Schriftstellern) gelesen zu haben, die ich gut gekannt habe, und stets bleibt das nagende Gefühl, der Verfasser sei der Person, die man zu ihren Lebzeiten gekannt hat, gerade durch die willkürliche Anführung von Fakten und die prismatische Methode nicht gerecht geworden. Der Raum in der Zeit, den jemand - um mit Proust zu sprechen - eingenommen hat, wird geschrumpft, und dadurch entsteht eine Verzerrung, die vielleicht erst dann aufgehoben wird, wenn es niemanden mehr gibt, der den Beschriebenen gekannt hat. Trotzdem bleibt die Frage: Ergibt sich aus Hunderten von Gesprächen, Klatschgeschichten, Berichten Dritter, aus Briefen und Notizen ein wahrheitsgetreues Bild, oder darf man so etwas nicht verlangen, muss man sich vielmehr mit einer zwangsläufigen Verzeichnung abfinden? Das jedoch würde bedeuten, dass das Objekt einer Biografie fürderhin so durch die Geschichte gehen muss, wie sein oder ihr Biograf es niedergeschrieben hat, und zwar bis zu dem Zeitpunkt, da die nächste Biografie erscheint - sofern sie erscheint.

Lebende Personen (Sinatra, Salinger) und Witwen (Picasso) können sich noch zu Wort melden, Nabokov konnte noch Gift und Galle über Andrew Field speien, Tote hingegen äußern sich bekanntlich nicht zu der merkwürdig intimen Beziehung, die ein Hinterbliebener mit ihrem Leben eingegangen ist. Tote sind von den Spiegeln abhängig, die ihr Bild zurückwerfen, und mit Spiegeln meine ich hier die Zeugnisse von Zeitgenossen. Im Falle von Bruce Chatwin sind es sehr viele Zeitgenossen und sehr, sogar erdrückend viele Zeugnisse. Auf das Bild der Spiegel bin ich durch Shakespeares Methode gekommen. Er hat sich für ein Mosaik aus Hunderten kleiner Spiegel entschieden, das Register der englischen Ausgabe umfasst dreizehn Seiten mit einer Dreierreihe klein gedruckter Namen. Mit all diesen Menschen zu sprechen, die zudem in allen erdenklichen Gegenden der Erde wohnen, muss eine gigantische Arbeit gewesen sein. Jugendfreunde, Schulkameraden, Kunstsammler, Bekannte und flüchtige Lover aus der Homosexuellenszene, Freundinnen, Schriftstellerkollegen, Archäologen, Anthropologen und Ethnologen, Jesuiten und griechisch-orthodoxe Mönche, Ärzte und Familienangehörige, jeder hat seinen kleinen Spiegel beigesteuert, und die Bilder reichen von gackernder Schwuchtel und chronisch untreuem Ehemann bis zu einem besessenen Schriftsteller und todeinsamen Mann, der wie ein tanzender Derw isch über die Erde stob auf der Suche nach demjenigen, der er nun eigentlich war, und den Büchern, die dazu gehörten.

Stimmt dieses Bild? Wer vermag das zu sagen?

Mitten im Lachen die Einsamkeit

Manchmal verliert man den Überblick inmitten all dieser plappernden englischen Doppelnamen, zwischen Lob, Anekdote und Ressentiment, man blättert verzweifelt zurück zu dem, was Wer-war-dasgleich-noch-mal gesagt hat, man verdächtigt den Biografen, er habe im Verlauf der acht Jahre, die er an dem Buch gearbeitet hat, sein Objekt allmählich zu hassen begonnen, liest dann aber in einem Interview in einer spanischen Zeitung, er habe sich das Gebot unbedingter Objektivität auferlegt, obwohl er wusste, dass Chatwins Witwe, die ihrem Mann in all den Jahren bedingungslos treu geblieben war, das Buch vor Drucklegung lesen würde.

Und trotzdem hat, was man da liest, mitunter den Charakter eines staatsanwaltlichen Plädoyers. Ein Mythos wird zerrupft oder zumindest untergraben, Chatwins selbst inszeniertes Bild erhält Schrammen und wird mit kleinen chirurgischen Randbemerkungen seziert

hier wird ein Porträt gemalt, doch gleichzeitig findet eine Abrechnung statt, allerdings stets mithilfe der (bösen) Zungen anderer, die ganz genau wissen, was Chatwin alles nicht war, als müsste neben dem Bild des strahlenden Helden ein anderes, düstereres beschworen werden, der Schatten eines Doppelgängers, ein unangenehmerer Chatwin, den er stets bei sich hatte und der schließlich bewirken sollte, dass er ein weniger großer Schriftsteller war, als er zu sein glaubte oder der er hätte s ein können.

Was ihm am wenigsten verziehen wird, scheint mir, ist die Fiktion oder sind die Fiktionen, mit denen er sich durch die Welt bewegte, ein Moralismus von derselben Logik, mit der man einem Chamäleon vorwerfen könnte, dass es, wenn es sich so ergibt, die Farben seiner Umgebung annimmt, außer dass ein wahrer Moralist dann natürlich sagt, ein Chamäleon könne nun mal nicht anders. Die Frage ist, ob Chatwin es konnte und ob er dann bessere Bücher geschrieben hätte. Er war gierig und neugierig, besessen von der unendlichen Vielfalt, die die Welt zu bieten hatte, ungebunden genug, um auf ihr fortwährendes Angebot einzugehen. Man könnte sagen, dass sich dahinter das Jedermann-Verlangen verbirgt, jeder zu sein oder, und sei es auch nur für kurze Zeit, zu jedem zu gehören, ein Verlangen, das man häufiger bei Menschen findet, die zu niemandem gehören. Was dafür nötig ist, besaß Chatwin in hohem Maße: eine Begabung für Mimikry, für Imitation, für Beobachtung, eine Gabe, die letztlich immer etwas mit Liebe zu tun hat. Proust hätte nie so gemein über Menschen schreiben können, wenn er sie nicht erst so gnadenlos beobachtet hätte. Dafür muss man zuallererst die Spezies lieben, in all ihrer potenziellen Popeligkeit und Kleinheit.

Er war ein begabter Dieb, ein subtiler Eindringling

Die Kälte, die manche Zeitgenossen in Chatwin sahen, hing mit seiner Eile zusammen. Er hatte sich selbst erst spät als Schriftsteller entdeckt, und ihm waren nur dreizehn Jahre vergönnt. Erst als er seine schriftstellerische Begabung entdeckt hatte, fand er auch seine Vorbilder: Hemingway, Flaubert und, ganz unerwartet, Racine. Was diesem ungleichartigen Trio gemein war, war ihre Methode, die der im wahrsten Sinne des Wortes bedeutungsvollen (und im Falle Racines: marmornen) Kürze ohne jeden Schnörkel, ein Stil von äußerster Effizienz, wobei in aller Knappheit, wie zum Beispiel in der ersten von Flauberts Trois contes, ein ganzes Leben erzählt wird.

Um dahin zu gelangen, hatte Chatwin einen riesigen Umweg gemacht, der in einem Fiasko endete. Über viele Jahre hinweg hatte er sich in eine an sich schon nebulöse Idee des Nomadentums verrannt. Sein Instinkt war richtig, weil diese Idee, wie auch immer, mit der Essenz seines Wesens zu tun hatte, doch seine Methode war falsch. Er war kein Wissenschaftler und sollte auch nie einer werden, sondern war, wie alle großen Schriftsteller, ein begabter Dieb, ein subtiler Eindringling, der wusste, wo er sich holen konnte, was er für seine Bücher brauchte. Das wird ihm von so manchem in dieser Biografie außerordentlich verübelt, da Formen des Lügens, um eine Wahrheit zu erschaffen, stets auf die Grenzwächter stoßen, die das Niemandsland zwischen Schein und Wirklichkeit bewachen wollen.

Mitten im Lachen die Einsamkeit

Dass Chatwins 1957 geborener Landsmann Nicholas Shakespeare diesen murrenden Chor so ausführlich zu Wort kommen lässt, ist vielleicht logisch - in einem derart breit gefächerten Panorama gehört er natürlich dazu -, enttäuscht mich aber auch ein wenig bei jemandem, der selbst fiktionale Literatur schreibt.

Wie schlimm ist es denn beispielsweise, dass Chatwin die Geschichte von einem Saufabend in Leningrad (in: Was mache ich hier) nach Moskau verlegt und aus dem Shakespeare-Sonett, das er dabei, auf dem Tisch stehend, vorgetragen hat, im Nachhinein die lange Anfangspassage von Orsino aus Was ihr wollt macht?

Das mag schrecklich sein für diejenigen, die dabei waren, doch der Leser liest einfach eine hübsche Geschichte von einer alkoholreichen Fete.

(Übrigens ist es pikant, dass es in der englischen Ausgabe nicht um Orsino aus Was ihr wollt geht, sondern um Orlandos Eröffnungsrede aus Wie es euch gefällt!)

Ist Nicholas Shakespeare das angestrebte Konzept der "völligen Objektivität" gelungen? Vielleicht nicht. Ich halte es auch nicht für notwendig und sicherlich nicht für möglich, allein schon, weil der letzte geheime Zugang, jener zum Inneren dessen, den man beschreiben will, zu den verborgenen Räumen, in denen das Gespräch mit einem selbst stattfindet, anderen nun mal verschlossen bleibt. Der Leser mag abwägen. In diesem Buch werden so viele Werturteile über Chatwin abgegeben, sogar über die Art und Weise, wie er gestorben und mit seiner Krankheit umgegangen ist, dass man sich gleichsam genötigt sieht, selbst ebenfalls ein moralisches Urteil zu fällen. Ich wehre mich dagegen.

Chatwin wollte lange Zeit nicht wahrhaben, dass er an Aids erkrankt war. Er hatte sich in China einen äußerst seltenen Knochenmarkspilz zugezogen, der die Ärzte anfänglich verwirrte und an dem er sich festklammerte, weil er seine eigene Bisexualität nie akzeptiert hatte und auch, denke ich, weil es zu dem für ihn unentbehrlichen Instrument der Mimikry gehörte, nicht so überdeutlich sichtbar zu sein. Mehrere homosexuelle Stimmen in der Biografie meinen dagegen, Chatwin hätte sich zu seiner Homosexualität bekennen müssen, wobei der ominöse Satz fällt: "Aber manche glauben, er hätte bessere Romane schreiben und ein bedeutenderer Mensch sein können, wenn er im Angesicht des Todes kein so typischer ,Bruce' gewesen wäre."

Wir sprachen über Orte und über Milch und Honig

Mitten im Lachen die Einsamkeit

Eigentlich Unsinn. Man wird nun mal im Angesicht des Todes nicht schnell ein anderer Mensch, um anderen einen Gefallen zu tun. Doch das gerüchtartige "manche" riecht durch seine Anonymität nach Verdächtigung, und damit komme ich zu der Idee der Objektivität zurück. Wie würde es klingen, wenn jemand später über Nicholas Shakespeare sagte, aus ihm hätte ein größerer Schriftsteller werden können, hätte er nicht acht Jahre lang den Leichnam eines anderen Schriftstellers mit sich herumgeschleppt? Das ist natürlich unzulässiger Unsinn, aber mithilfe anderer Stimmen darüber zu spekulieren, was für ein Schriftsteller jemand möglicherweise hätte sein können, während es nun gerade darum geht, was für ein Schriftsteller er gewesen ist, kommt dem ebenfalls sehr nahe.

Zu Beginn des vergangenen Jahres erlebte ich in Adelaide eine öffentliche Diskussion zwischen Nicholas Shakespeare und dem australischen Dichter Kevin Hart mit. Der Tenor dieses Gesprächs war meiner Erinnerung nach Enttäuschung, als könnten die beiden es sich nicht ganz verzeihen, dass sie sich von Chatwin dazu hatten verleiten lassen, an das romantisch-mythische Bild zu glauben, das er von sich selbst entworfen hatte.

Vielleicht ist das im Falle Shakespeares auch nur natürlich. Niemand verbringt ungestraft acht Jahre seines Lebens damit, tausend verwirrende und zerfranste Spiegelbilder von jemandem zusammenzutragen, der sich selbst nur noch mithilfe dessen äußern kann, was er einmal geschrieben hat. Es war eine gigantische Arbeit, und, so paradox sich das auch anhören mag nach allem, was ich zuvor gesagt habe: Ich bin froh, dass Nicholas Shakespeare dieses Buch geschrieben hat. So kontrovers es auch ist, hat es mich doch zu dem Einzigen zurückgeführt, um das es immer geht - zu den Büchern, die Chatwin geschrieben hat.

In letzter Zeit habe ich sie noch einmal gelesen, In Patagonien, Auf dem schwarzen Berg, Der Vizekönig von Ouidah, Utz und Traumpfade, und ich fand sie noch genauso faszinierend. Oder, wie Hans Magnus Enzensberger seinerzeit in The Times Literary Supplement (16. 6. 1989) schrieb: "Chatwin produzierte nie das, was Kritiker oder Verleger oder das Leserpublikum erwarteten. Weil er keine Angst hatte, uns zu enttäuschen, überraschte er uns beim Umblättern jeder Seite. (...) Gewiß wird Chatwin als Geschichtenerzähler in Erinnerung bleiben und vermißt werden - ein Geschichtenerzähler, der weit über die konventionellen Grenzen der fiktionalen Literatur hinausgeht und in seinen Erzählungen Elemente der Reportage, der Autobiografie, der Ethnologie, der kontinentalen Essay-Tradition und des Klatsches kombiniert. Hinter der äußeren Brillanz des Textes verbirgt sich etwas Gespenstisches, etwas Karges und Einsames und Bewegendes wie bei Turgenew. Wenn wir zu Bruce Chatwin zurückkehren, finden wir vieles in ihm, das ungesagt bleibt."

Vor zwanzig Jahren besuchte Chatwin mich in meinem Haus in Amsterdam. Ich sollte für eine niederländische Zeitung ein Interview mit ihm führen. Vor der Tür stand ein Mann, der eher deutsch als englisch aussah, größer schien, als er war, mit sehr blondem Haar, eisblauen Augen, im Lodenmantel. Heute habe ich mir zum ersten Mal seit damals das Band wieder angehört. Eine gute Stunde lang lauschte ich der Stimme eines Toten, und alles war da, wie in der Biografie immer wieder beschrieben, die histrionische Sprechweise, bei der die gesamte Tonleiter ausgenutzt wird, das perfekt artikulierte Französisch und, wenn es gerade passt, ebendieses Französisch, aber mit afrikanischem Akzent, die Geschichten, die durch das häufige Erzählen eine vollkommene Form erhalten hatten, die Verführung, die Imitation, die offensichtliche Einsamkeit.

Wir sprachen über das Reisen und das Schreiben, über Orte, an denen wir beide gewesen waren, über Milch und Honig als Emblemata des Nomadentums und über das Nomadentum als Wesensmerkmal der Diaspora, und dann fällt mitten in all dem Gelächter und all den Klatschgeschichten auf einmal das Wort anxiety, perpetual anxiety, die ewige Angst, die zum Reisen gehöre. In diesem Moment war alle Koketterie verschwunden. Hier saß ein Mensch, der ein kompromissloses Leben führte, um die Bücher zu schreiben, die er im Kopf hatte.

Wenn die Biografie, die Nicholas Shakespeare geschrieben hat, Leser zu Chatwins Büchern führt oder zurückführt, war es nicht umsonst, dass sie geschrieben wurde. Dem deutschen Leser werden einige krause Dinge erspart, weil hier ein guter Übersetzer oder Lektor am Werk gewesen ist. Herman Bloch wird wieder zu Hermann Broch, de Malraux muss sein Adelsprädikat hergeben, das französische musée wird wieder männlich, das spanische Guadalupe entfranzösisiert, aus der einen letzten Ode von Brahms werden wieder drei und heißen dann nicht mehr Von eviger Liebe die Mainacht sapsiche, sondern Von ewiger Liebe, Die Mainacht, Sapphische Ode. Selbst das niederländische Schiff Statendam hat in der deutschen Fassung wieder seinen eigenen Namen bekommen, bravo.

Mitten im Lachen die Einsamkeit

Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen

Nicholas Shakespeare:

Bruce Chatwin

Eine Biographie

aus dem Englischen von Anita Krätzer und Bernd Rullkötter

Kindler Verlag, Reinbek 2000

828 S., 78,- DM