Manchmal verliert man den Überblick inmitten all dieser plappernden englischen Doppelnamen, zwischen Lob, Anekdote und Ressentiment, man blättert verzweifelt zurück zu dem, was Wer-war-dasgleich-noch-mal gesagt hat, man verdächtigt den Biografen, er habe im Verlauf der acht Jahre, die er an dem Buch gearbeitet hat, sein Objekt allmählich zu hassen begonnen, liest dann aber in einem Interview in einer spanischen Zeitung, er habe sich das Gebot unbedingter Objektivität auferlegt, obwohl er wusste, dass Chatwins Witwe, die ihrem Mann in all den Jahren bedingungslos treu geblieben war, das Buch vor Drucklegung lesen würde.

Und trotzdem hat, was man da liest, mitunter den Charakter eines staatsanwaltlichen Plädoyers. Ein Mythos wird zerrupft oder zumindest untergraben, Chatwins selbst inszeniertes Bild erhält Schrammen und wird mit kleinen chirurgischen Randbemerkungen seziert

hier wird ein Porträt gemalt, doch gleichzeitig findet eine Abrechnung statt, allerdings stets mithilfe der (bösen) Zungen anderer, die ganz genau wissen, was Chatwin alles nicht war, als müsste neben dem Bild des strahlenden Helden ein anderes, düstereres beschworen werden, der Schatten eines Doppelgängers, ein unangenehmerer Chatwin, den er stets bei sich hatte und der schließlich bewirken sollte, dass er ein weniger großer Schriftsteller war, als er zu sein glaubte oder der er hätte s ein können.

Was ihm am wenigsten verziehen wird, scheint mir, ist die Fiktion oder sind die Fiktionen, mit denen er sich durch die Welt bewegte, ein Moralismus von derselben Logik, mit der man einem Chamäleon vorwerfen könnte, dass es, wenn es sich so ergibt, die Farben seiner Umgebung annimmt, außer dass ein wahrer Moralist dann natürlich sagt, ein Chamäleon könne nun mal nicht anders. Die Frage ist, ob Chatwin es konnte und ob er dann bessere Bücher geschrieben hätte. Er war gierig und neugierig, besessen von der unendlichen Vielfalt, die die Welt zu bieten hatte, ungebunden genug, um auf ihr fortwährendes Angebot einzugehen. Man könnte sagen, dass sich dahinter das Jedermann-Verlangen verbirgt, jeder zu sein oder, und sei es auch nur für kurze Zeit, zu jedem zu gehören, ein Verlangen, das man häufiger bei Menschen findet, die zu niemandem gehören. Was dafür nötig ist, besaß Chatwin in hohem Maße: eine Begabung für Mimikry, für Imitation, für Beobachtung, eine Gabe, die letztlich immer etwas mit Liebe zu tun hat. Proust hätte nie so gemein über Menschen schreiben können, wenn er sie nicht erst so gnadenlos beobachtet hätte. Dafür muss man zuallererst die Spezies lieben, in all ihrer potenziellen Popeligkeit und Kleinheit.

Er war ein begabter Dieb, ein subtiler Eindringling

Die Kälte, die manche Zeitgenossen in Chatwin sahen, hing mit seiner Eile zusammen. Er hatte sich selbst erst spät als Schriftsteller entdeckt, und ihm waren nur dreizehn Jahre vergönnt. Erst als er seine schriftstellerische Begabung entdeckt hatte, fand er auch seine Vorbilder: Hemingway, Flaubert und, ganz unerwartet, Racine. Was diesem ungleichartigen Trio gemein war, war ihre Methode, die der im wahrsten Sinne des Wortes bedeutungsvollen (und im Falle Racines: marmornen) Kürze ohne jeden Schnörkel, ein Stil von äußerster Effizienz, wobei in aller Knappheit, wie zum Beispiel in der ersten von Flauberts Trois contes, ein ganzes Leben erzählt wird.

Um dahin zu gelangen, hatte Chatwin einen riesigen Umweg gemacht, der in einem Fiasko endete. Über viele Jahre hinweg hatte er sich in eine an sich schon nebulöse Idee des Nomadentums verrannt. Sein Instinkt war richtig, weil diese Idee, wie auch immer, mit der Essenz seines Wesens zu tun hatte, doch seine Methode war falsch. Er war kein Wissenschaftler und sollte auch nie einer werden, sondern war, wie alle großen Schriftsteller, ein begabter Dieb, ein subtiler Eindringling, der wusste, wo er sich holen konnte, was er für seine Bücher brauchte. Das wird ihm von so manchem in dieser Biografie außerordentlich verübelt, da Formen des Lügens, um eine Wahrheit zu erschaffen, stets auf die Grenzwächter stoßen, die das Niemandsland zwischen Schein und Wirklichkeit bewachen wollen.