Dass Chatwins 1957 geborener Landsmann Nicholas Shakespeare diesen murrenden Chor so ausführlich zu Wort kommen lässt, ist vielleicht logisch - in einem derart breit gefächerten Panorama gehört er natürlich dazu -, enttäuscht mich aber auch ein wenig bei jemandem, der selbst fiktionale Literatur schreibt.

Wie schlimm ist es denn beispielsweise, dass Chatwin die Geschichte von einem Saufabend in Leningrad (in: Was mache ich hier) nach Moskau verlegt und aus dem Shakespeare-Sonett, das er dabei, auf dem Tisch stehend, vorgetragen hat, im Nachhinein die lange Anfangspassage von Orsino aus Was ihr wollt macht?

Das mag schrecklich sein für diejenigen, die dabei waren, doch der Leser liest einfach eine hübsche Geschichte von einer alkoholreichen Fete.

(Übrigens ist es pikant, dass es in der englischen Ausgabe nicht um Orsino aus Was ihr wollt geht, sondern um Orlandos Eröffnungsrede aus Wie es euch gefällt!)

Ist Nicholas Shakespeare das angestrebte Konzept der "völligen Objektivität" gelungen? Vielleicht nicht. Ich halte es auch nicht für notwendig und sicherlich nicht für möglich, allein schon, weil der letzte geheime Zugang, jener zum Inneren dessen, den man beschreiben will, zu den verborgenen Räumen, in denen das Gespräch mit einem selbst stattfindet, anderen nun mal verschlossen bleibt. Der Leser mag abwägen. In diesem Buch werden so viele Werturteile über Chatwin abgegeben, sogar über die Art und Weise, wie er gestorben und mit seiner Krankheit umgegangen ist, dass man sich gleichsam genötigt sieht, selbst ebenfalls ein moralisches Urteil zu fällen. Ich wehre mich dagegen.

Chatwin wollte lange Zeit nicht wahrhaben, dass er an Aids erkrankt war. Er hatte sich in China einen äußerst seltenen Knochenmarkspilz zugezogen, der die Ärzte anfänglich verwirrte und an dem er sich festklammerte, weil er seine eigene Bisexualität nie akzeptiert hatte und auch, denke ich, weil es zu dem für ihn unentbehrlichen Instrument der Mimikry gehörte, nicht so überdeutlich sichtbar zu sein. Mehrere homosexuelle Stimmen in der Biografie meinen dagegen, Chatwin hätte sich zu seiner Homosexualität bekennen müssen, wobei der ominöse Satz fällt: "Aber manche glauben, er hätte bessere Romane schreiben und ein bedeutenderer Mensch sein können, wenn er im Angesicht des Todes kein so typischer ,Bruce' gewesen wäre."

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