Nicht zu schlechten Eltern

Ein Jahr lang bei einer Familie im Ausland wohnen. Französisch lernen in Paris. Den Kinderwagen durch den Hyde Park in London schieben. Mit Achtjährigen in Manhattan Schlittschuh laufen. Noch 1990 wollten jedes Jahr fast 10 000 Mädchen als Au pair ins Ausland. Heute nur noch ein Drittel davon. Denn au pair wird nicht mehr mit weiter Welt, sondern mit Wäschewaschen, Bödenputzen und Babysitten in Verbindung gebracht. Mit wenig Spaß und viel Arbeit. Mit Hausarbeit, die wenig bringt im Lebenslauf.

Seit Studieren im Ausland üblich ist, seit Praktika im Ausland sogar vom Arbeitsamt vermittelt werden und seit immer mehr Eltern ihren Kindern monatelange Sprachkurse finanzieren, "ist der Anreiz, sich als Au pair in eine fremde Familie zu integrieren, geringer geworden", sagt Karin Reuschenberg, Au-pair-Referentin des Vereins für Internationale Jugendarbeit in Bonn. Wenn überhaupt, dann zieht es die Au pairs von heute möglichst weit in die Ferne. Die Gesellschaft für Internationale Jugendkontakte (GIJK), zweitgrößte deutsche Au-pair-Agentur, hat die Europa-Vermittlung deshalb eingestellt und sich auf USA-Programme spezialisiert.

Ein weiterer Grund für das schwindende Interesse sind die kursierenden Horrorgeschichten: Streit mit der Familie, viel mehr Arbeit als abgesprochen, Dienstmädchenstellung statt Familienanschluss. Diese negativen Erfahrungsberichte bleiben eher in den Köpfen als die (sicher häufigeren) Schwärmereien vom "schönsten Jahr meines Lebens".

Denn nach wie vor ist au pair eine ausgezeichnete Möglichkeit, ein fremdes Land und seine Sprache kennen zu lernen. Auch in Europa, findet Reuschenberg.

"Wer in einer Familie lebt, lernt den Alltag einer fremden Gesellschaft schneller und gründlicher kennen als jemand, der eine Sprachschule oder die Uni besucht und mit anderen Deutschen im Wohnheim wohnt."

Wichtig ist aber, einen Auslandsaufenthalt mithilfe einer seriösen Agentur gut vorzubereiten. Nur dann kann man sich darauf verlassen, dass elementare Regeln eingehalten werden. Für Kost, Logis im separaten Zimmer und 400 Mark Taschengeld im Monat müssen Au pairs in Europa 30 Stunden pro Woche Kinder hüten und im Haushalt helfen. So steht es in einer Abmachung der EU. "Ein fairer Handel", dachte Sylvia Weingärtner, 23, Justizangestellte aus Kempten, die einfach mal ein Jahr lang rauswollte. Aus dem Job, der ihr nicht mehr gefiel, aus der Kleinstadt, die sie nervte. Sie wollte eine Sprache lernen und nicht viel Geld dafür ausgeben. Da kam die Zeitungsannonce gerade recht: Vermittle Au pairs nach Madrid. Sylvia schrieb einen Lebenslauf, füllte einen Fragebogen aus und schickte Fotos ein, die sie mit Kindern zeigten. Sie bekam die Telefonnummer einer Familie in Madrid, kündigte ihren Job, packte die Koffer und hörte nie wieder von ihrer Agentur.

Nach dem Willen der Gastfamilie sollte sie mit dem siebenjährigen Sohn Deutsch üben und auf das Baby aufpassen. Arbeitszeit: 40 Stunden pro Woche.

Nicht zu schlechten Eltern

Häufig war Sylvia mit dem Baby allein. Eine große Verantwortung. Aber einen eigenen Wohnungsschlüssel wollte die Familie ihr nicht anvertrauen. Und das separate Zimmer gab es auch nicht. Die 23-Jährige sollte in einem Raum mit dem Baby schlafen. Sylvia wurde immer unzufriedener. Sie versuchte, ihre Agentur zu erreichen, ohne Erfolg. Es gab sie nicht mehr. Weder um eine neue Familie zu finden, noch um der Familie die 400 Mark Vermittlungsgebühr, die sie für Sylvias Adresse bezahlt hatte, zurückzuerstatten.

"Das kennen wir nur zu gut", sagt Karin Reuschenberg. In der Kontaktstelle des Vereins für Internationale Jugendarbeit in Paris beispielsweise würden sich oft Mädchen melden, die "gravierende Probleme" hätten, aber keine Ansprechpartner. "Wir versuchen dann, diese Mädchen neu zu vermitteln", sagt Karin Reuschenberg.

Dass es zwischen einem Au pair und seiner Familie kriselt, ist nicht selten: "20 Prozent aller Mädchen wechseln", sagt Ansgar von der Osten von der GIJK, die pro Jahr etwa 1000 Mädchen in die USA schickt.

Sylvia Weingärtner hat sich selbst eine neue Familie gesucht. Und diesmal Glück gehabt. Deshalb spricht sie mittlerweile von "einer genialen Erfahrung, die ich jedem nur empfehlen kann". Gerne ginge Sylvia noch einmal als Au pair ins Ausland. Aber nie wieder würde sie, um zu sparen, auf die Dienste einer großen Agentur verzichten.

Wer Au pairs ins Ausland vermitteln will, braucht eine Erlaubnis der Bundesanstalt für Arbeit. Die wird nur unter bestimmten Voraussetzungen erteilt, zum Beispiel mit einem Ansprechpartner im Gastland. Diese Genehmigung ist das wichtigste Qualitätsmerkmal. Denn die rund 500 deutschen so genannten Küchentischagenturen, die diese Lizenz umgehen, indem sie oft nur im "Freundeskreis" vermitteln, wissen nicht immer über so wichtige Details wie Aufenthaltsrecht im Gastland oder Krankenversicherung Bescheid.

Viele sind illegal im Land, ohne es zu wissen

Schlimmer noch ist es, wenn skrupellose Geschäftemacher Europäerinnen in Länder vermitteln, die Au pairs nicht einreisen lassen, wie zum Beispiel Australien, Kanada oder Neuseeland. Seriöse Agenturen haben diese Länder nicht im Programm. Trotzdem wird geschätzt, dass jedes Jahr etwa 1000 junge Menschen mit einem Touristenvisum dorthin reisen, um als Au pair zu arbeiten.

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Sie sind Illegale, meist ohne es zu wissen.

Hinter der Ablehnung von Au pairs steht die Furcht vor der Überschwemmung des heimischen Arbeitsmarktes. Diese Politik verfolgten auch die USA bis 1986.

Tausende junger Mädchen, die als Nanny in die Staaten gereist sind, waren illegal dort. Aber weder jahrelange Einreiseverbote noch hohe Geldstrafen konnten den Au-pair-Zug ins Land stoppen. Deshalb wurde ein Gesetz erlassen, das den Au-pair-Aufenthalt regelt: Es gibt ein jährliches Kontigent an non-immigrant-Visa, die nur über Au-pair-Agenturen vermittelt werden dürfen.

Bewerben können sich junge Frauen zwischen 18 und 26, wenn sie 200 Stunden Erfahrung in der Kinderbetreuung, Referenzen zum Charakter und den Führerschein haben. Sie müssen ein Jahr lang 45 Stunden wöchentlich arbeiten.

Dafür bekommen sie von der Familie das Flugticket, rund 1000 Mark Taschengeld im Monat, Kost, Logis, Versicherungen und 500 Dollar Zuschuss zum Sprachkurs.

"Deutsche Mädchen", sagt GIJK-Sprecher Ansgar von der Osten, "haben in den USA einen hervorragenden Ruf, weil sie als besonders pünktlich, ordentlich und zuverlässig gelten."

Die GIJK vermittelt Au pairs nur in so genannte Cluster, regionale Zentren vor allem im Nordosten der USA, in denen stets andere Au pairs in der Nähe sind und keines der Mädchen weiter als eine Autostunde von der nächsten Betreuerin entfernt wohnt. Dieser Service, der auch ein Einführungsseminar beinhaltet, hat seinen Preis: 613 Mark inklusive Visum und Versicherung verlangt die GIJK dafür. Für Vermittlungen innerhalb Europas nehmen seriöse Agenturen rund 300 Mark. Die sind gut angelegt, auch wenn Küchentischvermittler ihre Dienste oft schon für die Hälfte anbieten, oder nur bei der Familie kassieren. Denn die Arbeit der Laien beschränkt sich meist auf den Adressenaustausch.

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Abgesehen davon bieten große Agenturen oft noch reizvolle Extras: Au pairs, die sich zum Beispiel über die Freiburger Organisation In Via nach Paris vermitteln lassen, können ihre Familie an Ort und Stelle aussuchen: In den ersten beiden Wochen wohnen sie umsonst im Gästehaus der Organisation und klappern die ihnen vorgeschlagenen Arbeitgeber ab. Eine andere Besonderheit bietet der Verein Experiment an: Bring a friend heißt das USA-Programm, bei dem Freundinnen in dieselbe Stadt vermittelt werden. Das fördert zwar nicht unbedingt das Englischlernen. Aber es dürfte eine exzellente Vorsorge gegen die Au-pair-Krankheit Nummer eins sein: das Heimweh.

* Weitere Informationen zum Thema finden Sie unter www.zeit.de/2001/09/aupair