Als im vergangenen Frühsommer die Affäre um die erfundenen Interviews des Tom Kummer tobte und der Begriff vom "Borderline-Journalismus" geprägt wurde, saßen die Macher von Thema1 in den Startlöchern und ließen sich inspirieren.

Heute hat ihr Internet-Nachrichtendienst eine feste und stetig wachsende Fangemeinde und sorgt mit Schlagzeilen wie Torte statt Knast: Dicker Kohl und die Kalorienbombe für Belustigung und manchmal auch für Aufregung. Eine "GSG 9 des Boulevards" nennt Bernd Heusinger die von ihm verantwortete Internet-Seite (www.thema1.de). Schnelligkeit und Exklusivität sind dabei das Wichtigste, die Wahrheitssuche kommt für das Berliner Start-up-Unternehmen allenfalls an dritter Stelle. Vorrangig ist der Spaß an der Produktion von Schlagzeilen wie Firlefanz bei Kaiser Franz. Die Meldung über den folgenreichen Fehltritt des Fußballübervaters hatte Thema1 tatsächlich zuerst veröffentlicht. Aber erst als der Mannheimer Morgen knapp zwei Wochen später die Gerüchte lancierte und Bild kurz darauf nachzog, ging die Lawine los

womit der Beweis erbracht war, dass Papier offenbar noch immer glaubwürdiger erscheint als die Nachricht auf dem Computerbildschirm. Das aber ficht die Mannschaft in der Fabriketage am Treptower Park nicht an. Sie sieht ihre Aufgabe darin, für Gesprächsstoff zu sorgen. Und das aus allen Bereichen, die man auf dem Boulevard für so wichtig hält: BSE (Schnitzelwahnsinn!) Boris, Britney, Big Brother und das Boxenluder zum Beispiel. Oft wird dabei erst mal das abgeschrieben, was woanders schon zu lesen war, etwa in der Bild oder in englischsprachigen Boulevardblättern.

Dabei halten es sich die Thema1-Macher zugute, dass sie stets auf den Urheber der Nachricht verweisen: "Der Leser kann per Link immer zu der Seite gelangen, auf der die Geschichte im Original zu finden ist", sagt Geschäftsführer Jakob Bilabel, "das gehört zum Service." So wurde die Meldung, dass der Bundesrat ein Gesetz verabschiedet hat, welches die Grenze beim zulässigen Blutalkoholwert auf 0,3 Promille absenkt und regelmäßige Drogenkontrollen einführt, am vergangenen Wochenende mit der mutigen Überschrift Hose runter, Pipi her! Die "Grünen" bitten Autofahrer zum Drogentest ... brav mit einem Link zur Homepage des Südwestrundfunks versehen, wo die ganze Geschichte in der seriösen Form nachzulesen ist.

Diese Art der Exklusivität ergibt sich immer dann, wenn zum Einsatz kommt, was Herausgeber Heusinger "unsere kleine Killertruppe" nennt. "Wir haben eine wachsende Gruppe von freien Mitarbeitern oder auch nur Bekannten und Freunden, die uns informieren, wenn sie etwas Interessantes hören." Oft seien das Journalisten, die die entsprechenden Geschichten selbst nicht oder noch nicht veröffentlichen wollen. Heusinger und Bilabel sind da gnadenloser: "Wir wollen schreiben, worüber geredet wird. Und wenn wir etwas nicht recherchieren können, machen wir es eindeutig als Gerücht kenntlich", erklärt Heusinger. "Damit sind wir ehrlicher und unterhaltsamer als andere. Medien sind ohnehin niemals objektiv oder wahrhaftig. Wir sagen uns: Wenn wir schon Teil der Lüge sind, dann gehen wir lieber offensiv damit um." Das Vorbild ist unschwer zu erkennen und wird auch nicht verleugnet: Matt Drudge ist der Erfinder der Online-Gerüchteküche, er hat sich mit der ersten Berichterstattung über eine White-House-Praktikantin namens Monica Lewinsky einen Namen gemacht. Andere Medien zogen erst nach, als die Affäre nicht mehr vertuscht werden konnte.

Mit Häme für Politiker und Promis, seit je ein Grundnahrungsmittel des Boulevards, sparen auch die Thema1-Schreiber nicht. Die Gattin des Regierungschefs bekommt das Adjektiv "pferdegebissig" angehängt, Guido Westerwelles Eroberung des FDP-Vorsitzes wird gar als "Sieg der Schwulenbewegung" aufgemacht. "Wir schreiben eben, was andere nur denken", kommentiert Bilabel solchen Schlagzeilenterror. Draufhauen ohne Rücksicht auf Verluste? "Sagen wir mal so: Bei Leuten, die selbst das Spiel spielen, haben wir kein Schamgefühl", sagt Bilabel. Allerdings: Ohne Risiko ist der Tanz auf dem Boulevard nicht. Der Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre zum Beispiel fand es gar nicht lustig, dass Thema1 eine offenbar frei erfundene Anekdote kolportierte, die ihn mit Sex auf öffentlichen Toiletten und Drogen in Verbindung brachte. Eine einstweilige Verfügung unterband die weitere Veröffentlichung, über Schmerzensgeld wird noch gestritten.

Das wäre dann freilich der erste Fall, bei dem Thema1 zahlen müsste.