Das anrührendste Wesen im Faust, dem Menschheitsdrama, ist ein Nichtmensch: Homunculus. Das künstliche Männlein ist erfüllt vom Jubel des Anfangs. Gleich wird es ins Meer stürzen und sich neu erschaffen. Ehe Homunculus, auf einem Delfin davonreitend, in "tausend, abertausend Formen" durch die Schöpfungsgeschichte wirbelt, gibt ihm Proteus, der Meeresgott, letzte Anweisungen: "Komm geistig mit in feuchte Weite, / Da lebst du gleich in Läng' und Breite, / Beliebig regest du dich hier

/ Nur strebe nicht nach höheren Orden: / Denn bist du erst ein Mensch geworden, / Dann ist es völlig aus mit dir."

Am Zürcher Schauspielhaus zeigt der Intendant und Regisseur Christoph Marthaler, wovor Proteus gewarnt hat. Auf einem Schiff hocken Menschen, mit denen es völlig aus ist. Unter ihren Füßen spüren sie den Wellengang des Meeres und darin den wilden Tanz des Homunculus, aber sie selbst haben längst das Schwimmen verlernt. Sie sitzen in trockener Enge und sehnen sich nach Ekstase und Urfeuchtigkeit. Sie haben nach tausend, abertausend Formen die letzte, schale Formlosigkeit erreicht, eine Mischung aus Rausch, Schlaf, Lüsternheit und Sentimentalität. Sie leiden so schwer unter ihrer Trockenheit, dass sie pausenlos saufen. Marthaler geht Shakespeares Figuren auf den Grund, indem er sie abfüllt. In der erotischen Verwechslungskomödie Was ihr wollt machen sie sich Hoffnungen, die sie bei Marthaler längst ertränkt haben. Nicht Erotik, sondern Reue, Scham, Zerknirschung erfüllen das Schiffsdeck: der Mief der ungeliebten, ungewollten Existenz.

Wieder hat Anna Viebrock ihrem Regisseur einen Wartesaal gebaut. Der Schiffsbauch, als Spiegelung des Zuschauerraums entworfen, ist voll von Leuten, die in aufgekratzter Starre verharren, als zittere Karl Valentins Befehl "Du bleibst hier, und zwar sofort!" in ihnen nach.

Bei einer Schiffskatastrophe werden die Zwillinge Viola und Sebastian an verschiedene Küsten gespült. Jeder hält den anderen für tot. Viola, wie unter Schock, tappt in Männerkleidern in die fremde Stadt und begibt sich, um ihren Schmerz zu betäuben, sofort ins Zentrum der Macht. Sie verliebt sich in Herzog Orsino. Orsino aber liebt die schöne Olivia. Olivia, die vor kurzem ihren Vater und ihren Bruder verloren hat, lebt in so schroffer Trauer, dass sie keinen Mann an sich heranlässt. Nur den Mann, in den sich Viola verwandelt hat, liebt sie blitzartig und total. Hinter solchen Augenblicksaffekten ahnt man bleibendes Unglück: Beide Frauen, Olivia und Viola, verbieten sich die Liebe aus Trauer um ihre Toten. Aber beide Frauen müssen lieben, um ihre Toten vergessen zu können. So hängen zwei Befunde schwer über Marthalers Narrenschiff. Erstens: Erotik ist Verrat an Dritten.

Zweitens: Erotik gelingt nie und irrt immer.

Wie zu erwarten, darf Befund zwei hell über Befund eins triumphieren. Es herrscht die Vitalität des Misslingens. Die fixierende Kraft der Schadenfreude, die Panne, der Ausrutscher siegen über das Rettende, die Liebe. Unerotischer kann Was ihr wollt nicht inszeniert werden. Marthalers Königsweg zu den Menschen ist ja nicht die Ekstase: Hüllenlos, graziös ist bei ihm nur der schlafende oder der singende Einzelne (auch in Was ihr wollt wird sehr schön musiziert). Indem er sie einschläfert, nähert er sich den Bestien. Er inszeniert furchtsam nur die Willenlosen. Denn im Schlaf öffnen sich die Grenzen zwischen den Menschen