Den Londonern die größte Shopping-Mall Europas vor die Nase zu setzen - das ist schon dreist. Kommen doch jedes Jahr Millionen von Touristen hierher, ausgerüstet mit Traveller-Cheques und faltbaren Reisetaschen, um auf der Oxford Street oder in Knightsbridge die neuesten Mode- und Designtrends zusammenzuraffen. Aber Bluewater, das vor anderthalb Jahren fertig gestellte EKZ auf der grünen Wiese von Kent, behauptet außerdem, neue Standards in Sachen Architektur zu setzen. Der Londoner bleibt gelassen, lenkt sein Auto nach Greenhithe, ins Niemandsland zwischen M 25 und M 2, und nimmt die Konkurrenz in Augenschein.

Eine vierspurige Zufahrtsstraße gibt den Blick auf eine Mischung zwischen Flughafenterminal und Disney-Schloss frei, das in einem alten Kreidesteinbruch thront.

Und je näher der Londoner dem Wunderbau kommt, desto mehr muss er sich geschlagen geben. Bluewater beeindruckt. Allein die Auswahl zwischen seinen 130 000 extrabreiten Parkplätzen. Dann die motorisierten Modellboote, die über die sieben baumumstandenen Seen der Anlage knattern. Der geharkte Abenteuerspielplatz, der Kinderwagenverleih und die großzügigen Rad- und Joggerbahnen, auf denen sich der gesamte Komplex umrunden lässt - auch der größte Mall-Muffel will plötzlich wissen, was sich hinter den gläsernen Schiebetüren verbirgt.

Drinnen ist die Orientierung denkbar einfach, denn der Bau gleicht einem gigantischen Stück Toblerone, an dessen Ecken sich statt Mandelsplittern die Kaufhäuser M&S, John Lewis und House of Fraser befinden. Auf halber Strecke zwischen ihnen liegen als Etappenziele so genannte Leisure Areas für die unterschiedlichen Einkaufstypen: ein auf heimelig getrimmtes Village für Freunde der französischen Küche und Stoffservietten, ein aus unerfindlichen Gründen Watercircus benannter Kinokomplex mit 12 Leinwänden und fünf Größen Popcorntüten und der Wintergarden mit Fast Food und Bodendeckern unterm Treibhausdach.

Und dann sind da natürlich noch die 320 Geschäfte - die meisten davon vertraute Highstreet-Namen wie Next, Warehouse, French Connection und Boots, eine Luxuskinderkrippe, großräumige Familientoiletten und eine Freeclimbing-Konstruktion für all diejenigen, die der Konsumrausch doch die Wände hochtreibt.

Bis zu 85 000 Besucher täglich erfüllten sich in Bluewater den Traum vom stressfreien Einkaufsbummel, berichtet Georgette Ryan, Pressefrau für die australische Firma Lend Lease, die Bluewater aus dem Kreideboden stampfte.

Wem das wie ein Widerspruch in sich klingt, wird verblüfft.