Kein Väterchen Gianni hört Laurettas süßen Schmerz. Kein Prinz Calaf vernimmt Liùs letzte Klage. Ihren Walzer muss Musetta einsam, ohne Marcello, tanzen.

Auch all die anderen Angebeteten, Geständnishörer und Abschiedempfänger müssen wir uns zunächst hinzudenken. Doch irgendwann scheinen sie durch den Vorhang der Suggestion wieder auf: Wenn Renée Fleming singt, wird aus einer Arie die Welt, und eine Szene reicht beinahe für die ganze Oper. 65 Minuten folgen wir der amerikanischen Sopranistin durch 14 große Arien, sie beugt sich gewissermaßen über eine Kollektion von Juwelen, und irgendwann begreift man den tiefen Sinn solcher Perlenfischerei: Der Künstlerin wird das Kostbarste, was das lyrische Sopranfach zu bieten hat, zu Füßen gelegt.

Nun weiß man vorderhand gar nicht, was denn das Fach von Mrs. Fleming sein soll. Ihre neue CD (Decca 467 049-2) verheißt Liù, Cio-Cio San, Nedda, Musetta, Manon (Massenet), Micaëla, Juliette, Amelia (Simone Boccanegra), Adriana, Wally, Juliette, Norma, Hélène (Les Vêpres siciliennes) - das ist ein weiter, endlos scheinender Weg durch die diversen Ausdruckszonen des Sopranfachs, von der scheuen Stille zum veristischen Ausbruch, von der Grisette zur noblen Primadonna. Doch entspricht es Flemings gleichermaßen unbekümmerter wie stilsicherer Gesangskultur, dass sie selbst aberwitzige Verwandlungen mit fabelhafter Natürlichkeit meistert. Und mit Geschmack.

Nehmen wir Musettas Walzer: Oft hat man hier schon silbrig-helle Soubretten girren gehört, dass dank Flemings strömender Legato-Kultur die Arie endlich abhebt ins Charakterliche, in ein von Wehmut umstelltes Arkadien. Möchte man ihre Stimme zunächst, bei O mio babbino caro aus Puccinis Gianni Schicchi, für fast zu reif halten - in Liùs Signore, ascolta! hat Fleming am Ende ein dermaßen keusch-perfektes hohes B, dass die eisige Turandot bereits hier schmelzen müsste.

Als Butterfly entbietet Fleming visionäre Attacke, als Hélène fließende Agilität, als Norma (Arie Casta Diva) seelenfriedvolle Ruhe. Koloraturen fluten und stottern nie, der Stimmumfang ist beeindruckend weit ausgelegt.

Wer da ein paar minimal verpatzte Intonationen moniert, bewahrt sein Herz wohl in einem Kerker auf.

Emphatisch ausgebreiteter Gesang, dem Charles Mackerras und das innig mitatmende London Philharmonic Orchestra zarteste Winde zufächeln. Derlei diskrete Nähe braucht eine Sängerin, die, von sich selbst beflügelt, schier sopransportlich durch die Welt rauscht - damit sie in der Anbetung der Kunst das wahre Verweilen findet.