Er war ein leidenschaftlicher Redner - von vollendeter Leidenschaftslosigkeit. Er formulierte druckreif, hatte seinen Zorn, sein Temperament stets im Griff. Er sprach keineswegs frei von Emotion, aber er wandte sich weniger an die Emotionalität der Zuhörer als an deren Ratio. Er hat von 1949 bis 1966 vielleicht einhundertmal im Bundestag gesprochen, dazu kamen zahllose Reden und Vorträge - zumeist auf Veranstaltungen der SPD und in Wahlkämpfen, in Universitäten und Akademien. Er hat redend Politik gestaltet, ja, Geschichte gemacht.

Fritz Erler, der große Oppositionsführer der SPD im Bundestag, ist eine einzigartige Gestalt der deutschen Nachkriegszeit. Sein Lebensweg vom Berliner Arbeiterquartier Prenzlauer Berg, wo er am 14. Juli 1913 geboren wurde, über Illegalität und Zuchthaus bis zur Führung der Bundestagsfraktion, die er 1964 übernahm, ist in Zukunft für keinen anderen Sozialdemokraten wiederholbar. Aber dieser Weg bleibt ein ganz großes Beispiel. Er war ein in der Wolle gefärbter, in sechs Jahren Zuchthaus und Lager leidgeprüfter Sozialdemokrat, ein gleichwohl sehr eigenständiger und auch für die eigene Partei unbequemer Mann.

Ich habe Erler im Herbst 1952 kennen gelernt. Er war noch keine 40 Jahre alt, ich selbst wurde alsbald 35

das waren nur fünf Jahre Altersunterschied. Aber politisch bestand ein Generationsunterschied. Denn Erler hatte, als 1933 die NS-Diktatur begann, bereits sein eigenes Weltbild, eine gefestigte politische Grundüberzeugung. Ich hingegen war 1933 soeben erst 14 Jahre alt geworden

die Jugendlichen meines Jahrgangs waren fast alle ohne jedwede politische Erziehung. In den nachfolgenden zwölf Nazi- und Kriegsjahren hat unsereiner zwar begriffen, wogegen er sein musste. Dass ich dagegen war, das wusste ich, nicht aber konnte man damals als Jugendlicher und als jugendlicher Soldat lernen, wofür, auf welche Ziele hin wir uns anstelle der NS-Ideologie orientieren sollten. Bis Kriegsende hatten wir kein einziges positives Wort über die Demokratie gehört und sehr unklare Ziele. Wir fingen gerade erst an, politisch zu denken.

Als ich etwa 1954 mit Erler in nähere Berührung kam, da habe ich schnell begriffen: Dieser Mann hat klare Ziele. Ich sah ihn ziemlich bald als mein Vorbild an, auch als meinen politischen Erzieher - er hat davon nichts gewusst. Seine Urteilskraft bewunderte ich besonders, seine Argumentationsfähigkeit und seinen Fleiß. Der Mann hatte nicht studiert, sondern sich durch privaten Fleiß ein Wissen erworben, das sehr viel breiter gefächert und tiefer gegründet war, als das gemeinhin selbst bei sehr guten Akademikern in Deutschland der Fall ist. Zudem brachte er aus seiner Zeit als Landrat 1946/47 Verwaltungserfahrung mit.

Fritz Erler faszinierte uns Jüngere in seiner Kombination aus politischer Lebenserfahrung, aus Kompetenz, Autorität, Streitlust auch, und Engagement für die res publica. In den fünfziger Jahren und besonders später, als er Oppositionsführer war, hat er das Prinzip verfolgt, aus der Opposition heraus an der Gestaltung des öffentlichen Gemeinwesens mitzuwirken und mitzubauen, zu diesem Zweck alle parlamentarischen Möglichkeiten auszuschöpfen und dabei doch zugleich immer mit der anderen Seite um die Führung zu kämpfen. Er war das Gegenteil einer grobschlächtigen täglichen Opposition gegen alles und jedes, was die Regierungen Adenauer und Erhard gerade taten.