Roth, ein Städtchen bei London, ist ein Ort, wie sie englische Kriminalschriftsteller seit jeher als Schauplätze feinst verworrener Fälle ausgesucht haben und lieben. Die Kirche, das Herrenhaus, ein Pub und ein trüber Bach - das sind die Merkmale englischer Kriminalidyllen.

Und wie in jeder dieser Gemeinden gibt es auch in Roth die alleinstehende frömmelnde Frau in den Wechseljahren: Audrey Oliphant. "Das Leben dieser Frauen dreht sich um die Pfarrkirche, und in gewisser Hinsicht dreht die anglikanische Kirche sich um diese Frauen." Doch Pfarrer David Byfield, der die Leistungsträgerin seines Sprengels so herablassend charakterisiert, hat wenig Veranlassung zu Häme. Trotz seines mittleren Alters und einer durch zehn Jahre Zölibat gestählten Zurückhaltung ist der Witwer immer noch nicht Herr seiner Sinne und gerät in Wallung, sobald ihm ein attraktives weibliches Wesen unter die Augen kommt. Im Triebstau entgehen dem in puritanischer Seelenselbstzerquälungstradition verstrickten Pfarrer und Ich-Erzähler von Andrew Taylors Das Recht des Fremdlings all die feinen Haarrisse, die die Dorfharmonie durchziehen und auf die kommende Katastrophe hindeuten.

Auch die Heirat mit der hübschen Verlegerin Vanessa verschafft dem konservativen Kirchenmann keine Erleichterung. Gequält vom baldigen sexuellen Desaster seiner Ehe, gerät Byfield in den erotischen Sog eines zugezogenen Hippiemädchens. Weder die Entfremdung von Tochter Rosemary noch die brodelnde Eifersucht Audrey Oliphants nimmt er wahr. Schwankend zwischen Scham über die eigene "Befleckung" und unstillbarer Lust, ist der Seelenhirte außerstande, seines Amtes zu walten. In Mord und Brand lösen sich auf den allerletzten Seiten dieses feinen Schauerromans die schwelenden Konflikte.

Das Recht des Fremdlings ist ein eigenständiger Roman und zugleich der zweite Band einer Trilogie, in der Andrew Taylor die Wurzeln eines Verbrechens erforscht. Dabei kehrt er die übliche der Entwicklung gehorchende Reihenfolge um und beginnt die Roth-Trilogie in der Gegenwart, um dann in die siebziger und die fünfziger Jahre zurückzugehen. Wer also den trügerischen Dorffrieden des in Roth handelnden zweiten Bandes genießen will, sollte mit der Lektüre des ersten beginnen. Der ist unter dem Titel Die vier letzten Dinge im Herbst 2000 auf Deutsch erschienen.

Darin erweist sich Taylor als ein Meister des Grauens. Lucy, die vierjährige Tochter einer Diakonin und eines Detektivsergeants, wird von einem psychopathischen Pärchen entführt. Getreu seiner Maxime "Das wirksamste Werkzeug des Schriftstellers ist die Imagination seines Lesers" steigert Taylor das Entsetzen so sehr, dass selbst hartgesottene Krimileser - ich verbürge mich als Zeuge - Albträumen verfallen. Während er um das Schicksal des entführten Kindes bangt, weiß der Leser immer weniger, welchen Ausgang er der hilflosen Lucy wünschen soll: den Tod durch die Entführer oder Rettung und Rückkehr in den aus Bigotterie, Gefühlskälte und Seelenangst geschmiedeten Käfig ihrer Kleinfamilie.

Alle Mittel des Schocks setzt Taylor ein. So muss die verzweifelte Mutter die tiefgefrorenen Körperteile anderer ermordeter Kinder identifizieren. Doch liegt Taylor nichts ferner als die plumpen Metzgereffekte, die Thomas Harris in Hannibal bemüht. Taylor ist ein Vivisekteur der Seelen. Die vier letzten Dinge ist eines der Entsetzen erregendsten Bücher der letzten Jahre. Das Buch gipfelt im vollständigen Nichtverstehen - ein wahnwitziger, kunstvoller Ausgangspunkt für die erst in die siebziger nach Roth, dann in die fünfziger Jahre zurückführende Recherche.

Die Roth-Trilogie, deren dritter Band noch nicht erschienen ist, wird in die Annalen der Kriminalliteratur eingehen. Das literarische Entsetzen trägt nun auch in Deutschland einen neuen Namen: Andrew Taylor. Oder: Roth.