Es gab Zeiten, man mag es kaum noch glauben, da kannten selbst die Feuilletonisten J. Craig Venter nicht, von Ministern ganz zu schweigen. Wer aber damals, so etwa vor drei Jahren, schon ahnte, dass aus dem bösen, zornigen Underdog der Genforscherszene bald der unbestrittene Popstar der Biowissenschaften hervorginge, der fragte ihn zuweilen: "Hey, Craig, wie viele Gene hat der Mensch?" Und dann erzählte Venter immer seine Lieblingsstory: Ein Investor, der Geld in seine erste Bio-Company eingeschossen hatte, brüllte ihn durchs Telefon an: "Wie kannst du behaupten, es gibt nur 60 000 menschliche Gene? Ich hab gerade 120 000 an SmithKline-Beecham verkauft." Kurze Zeit später sei der Mann am Herzinfarkt gestorben. Da behaupte noch einer, Forscher seien humorlos.

Nun ist aber Schluss mit lustig. Denn Venter's Celera und seine Konkurrenten vom öffentlichen Humangenomprojekt (HGP) haben Vollzug gemeldet. Beide haben das Erbgut gelesen, und immerhin in einem Punkt sind sich die Kontrahenten einig. Nur etwa 35 000 Gene wollen die Genomexperten dem Menschen zubilligen.

Und schon gibt es wieder Streit.

Obwohl alle furchtbar gespannt waren, ist dies Ergebnis nun doch irgendwie unwillkommen. Die einen bejammern die dritte narzisstische Kränkung des Menschen durch die Wissenschaft: Erst wurde er zum Produkt der Evolution herabgewürdigt wie Affen und Läuse (hat sich Darwin nicht zu behaupten getraut, ist aber wahr), dann wurde er zum Gehetzten des Unterbewusstseins erklärt (hat Freud eigentlich schon behauptet, ist aber Unsinn), und nun dies: Ein Fadenwurm aus gerade mal 959 Zellen bringt es auf 19 098 Gene, und der Mensch mit seinen 100 Billionen Zellen hat nur ein Drittel mehr.

Enttäuschend schmal sei das menschliche Genarsenal, hieß es allerorten, wenigstens sei die Zahl jetzt sicher. Wirklich?

Wohl kaum, meinen viele Skeptiker. Einer ist William Haseltine, Chef der US-Firma Human Genome Sciences (HGS) in Rockville, Maryland, und zugleich Venters Intimfeind - die beiden waren einmal Kompagnons. Haseltine gießt seit Jahren nichts als Spott über die Genomentzifferung bei Celera und dem Humangenomprojekt. "Ich kann mir kein schlechteres Verfahren für die Suche nach menschlichen Genen vorstellen", höhnte er noch vor wenigen Tagen.

Übrigens habe Human Genome Sciences die Sache längst erledigt und nahezu alle Gene in den Datenbanken. Mindestens 100 000 seien es.