Am liebsten nehmen viele Zeitgenossen diese Zahlen einfach nicht zur Kenntnis: Ohne Zuwanderung aus dem Ausland wird die Bevölkerung der Bundesrepublik innerhalb von fünfzig Jahren von heute 82 Millionen Bürgern auf unter 60 Millionen sinken. Minus 20 Millionen - das ist ein Aderlass, den die deutsche Wirtschaft nicht verkraften kann und das System der sozialen Sicherung schon gar nicht. Das sind zu wenig Kinder, zu wenig Arbeitskräfte, zu wenig Konsumenten, zu wenig Beitragszahler. Und zu viele Alte.

Keine noch so leistungsfähige Volkswirtschaft überlebt eine derart dramatische Entwicklung ohne Schaden. Doch welch ein glücklicher Zufall: Die Lösung des Problems liegt quasi vor der Haustür. Wenn in drei, vier Jahren ein halbes Dutzend mitteleuropäischer Staaten Mitglieder in der EU werden, erwerben sie das Recht auf Freizügigkeit. Dann können ihre Bürger Arbeit in jedem EU-Land suchen, selbstverständlich auch in Deutschland.

Die Experten streiten darüber, wie viele Polen, Ungarn oder Tschechen den Sprung über die Grenze wirklich wagen werden. Brüssel geht davon aus, dass die Nettoimmigration in die jetzt 15 EU-Mitgliedsländer anfangs bei 335 000 Personen im Jahr liegen wird, mit stetig abnehmender Tendenz in den Folgejahren. Das ifo-Institut in München hält diese Schätzungen für zu niedrig und kommt auf ein Potenzial von vier bis fünf Millionen Personen, die in den nächsten 15 Jahren allein nach Deutschland drängen werden. Sichere Zahlen hat niemand, aber das ist nicht das zentrale Problem.

Entscheidend ist, wie hierzulande das Thema Zuwanderung diskutiert wird.

Dummerweise setzt da bei vielen der Verstand aus. Heute schon erklären 37 Prozent aller Westdeutschen und 51 Prozent aller Ostdeutschen, es lebten zu viele Ausländer in Deutschland. Die Politiker glauben, auf die sensible Volksseele Rücksicht nehmen zu müssen, und trauen sich nicht, die Probleme beim Namen zu nennen. So ist eine Debatte über die Zuwanderung im Gange, die die ökonomischen Argumente weitgehend ausblendet.

Beispiel eins: die Forderung des Bundeskanzlers, die Freizügigkeit für die neuen EU-Mitglieder sieben Jahre lang auszusetzen. Richtig ist, dass mit der Freizügigkeit etwa in grenznahen Regionen der Konkurrenzdruck auf dem Arbeitsmarkt stark wächst, dass mancher Handwerker und mittelständische Unternehmer um seinen Markt kämpfen muss. Aber solche Risiken sind überschaubar und lassen sich begrenzen. Sie dürfen nicht den Blick auf die Nöte der gesamten Wirtschaft verstellen, die Zuwanderung braucht.

Die Green Card ist kein schlüssiges Modell