Der Beginn der historischen Diskussion über die 68er hat für einen Alt-68er, der leider nie ein richtiger war, und jemanden, der Geschichte nicht aufbröselt, sondern sie kompakt zu verstehen versucht, einen hohen Unterhaltungswert. Die Mischung der Postscharmützel aus Rückzugsgefechten, Scheinangriffen, löchrigen Verteidigungslinien, linken wie rechten Überholmanövern und verschütt gegangenem Status quo sowie die Versuche historischer Deutung reichen von amüsant über frivol bis überraschend und progressiv.

Eines gilt es aber über allen Dissens für die jetzige Generation der 20- bis 40-Jährigen festzuhalten: Nicht nur in Deutschland - aber hier mit großem Druck - begann eine Generation, ein neues Verhältnis zu Staat, Obrigkeit, den allgemeinen Machtträgern und den überwiegend konservativen Gesellschaftsstrukturen zu denken und zu gestalten. Sie begann, sich und uns zu demokratisieren. Gewalt war anscheinend unabdingbares Mittel, auf beiden Seiten. Sie zum Thema zu machen, und zwar wegen der Grundsätzlichkeit, bietet die Vergangenheit den Stoff, den es möglichst bald zu verarbeiten gilt. Dem sensiblen politischen Beobachter wird es nicht entgehen, dass unsere demokratischen Strukturen in einer Weise zu verkrusten begonnen haben, dass eine nicht allzu ferne Generation nach Mitteln suchen wird, sie zu entkrusten. Egal wie man es nennen wird: Es hat die Nähe zur Revolution.

Werner Deppe Hannover

Mythenbildung ist ein Grundprinzip der Geschichte, dies gilt für die Revolutionen unserer Zeit, die sozialen Veränderungsprozesse, den kulturellen Wandel und die Biografieentwürfe. Es gilt auch für Sontheimers Positionen.

Seine Äußerungen müssen Zustimmung und Zurückweisung nach sich ziehen.

Zustimmung in dem Maße, wie Gralshüter und selbst ernannte Chefinterpreten der Studentenbewegungen ein Deutungsmonopol beanspruchen oder beispielsweise die eigentliche demokratische Bewährung in dieser Republik durch den Regierungswechsel von 1969 übersehen.

Zurückweisung muss Sontheimer aber bei Positionen erfahren, in denen er singuläre Annahmen zur Richtschnur macht. Vor allem: Die 68er-Bewegung gab es nicht. Es gab Reformer und Revolutionäre, um gesellschaftliche Wahrheiten Ringende und Straßenkämpfer, Demokraten und Gewalttäter. Es gab als Auslöser den angestauten Unmut über die Verkrustungen der bleischweren Adenauer-Zeit, Ansätze einer neuen Musik- und Sexualkultur, Orientierungen und verletzte Liebe mit Blick auf die USA. Und schließlich gabe es durchaus die drei Initiationsstränge eines libertären Kulturentwurfs, eines Entsetzens über die Schuld der Vätergeneration und einen Protest - übrigens im Bündnis mit Berkeley - gegen den Krieg der Amerikaner in Vietnam.