Sind wir wirklich auf einem Flughafen gelandet? Oder hat das Melatonin mir nur einen bunten Traum beschert? Schon der goldene Buddha wirkte, beim Anflug von oben gesehen, leicht irreal. Und jetzt das: Palmdächer inmitten eines Blütenmeeres von Bougainvillea. Als die Propeller stehen, rollt ein kleines Fahrzeug zur Maschine: der Zubringerbus, mit Schildkröten und Fischen bemalt.

Die Haupthalle: ein offener Holzbau, keine Gepäckbänder. In den Bäumen zwitschern Vögel, wartende Passagiere lagern auf dem Rasen, surfen gratis im Internet oder essen Obst, das für alle ausliegt. Wenn jetzt noch eine Abordnung käme, um mir Blumenkränze umzuhängen, müsste man wohl einen Arzt rufen. Doch stattdessen kommen die Koffer. Sie werden einfach nebeneinander gestellt. Sollte einem farang - so nennen Thais den nicht asiatischen Gast - bei der Ankunft auf Ko Samui der Schweiß ausbrechen, dann sicher nicht vor Stress.

Das feuchtwarme Klima der Inseln im Golf von Thailand lässt das Thermometer selten unter 28 Grad fallen. Das wussten schon die Chinesen zu schätzen, die Anfang des 19. Jahrhunderts kamen und die Insel Ko Samui, 20 Kilometer vor der Küste gelegen, mit Kokospalmen bepflanzten. Das liebten die Rucksackreisenden, die in den siebziger Jahren kamen und noch zu Fuß und mit Fischerbooten nach den schönsten Stränden suchten. Das wissen spätestens seit dem Boom Anfang der neunziger Jahre die großen Reiseveranstalter. Nun sind die farang (gesprochen: falang = Langnasen) überall.

Die Kokosnüsse werden noch immer von dressierten Gibbon-Affen gepflückt, und der zwölf Meter hohe Big Buddha, 1972 errichtet, glänzt makellos. Pro Jahr steigen die Besucherzahlen in Thailand um etwa zehn Prozent. Die Bucht von Chaweng, ein sechs Kilometer langes Postkartenidyll, wird mittlerweile von Hotels, Bars und Restaurants bis an die Wasserlinie bewirtschaftet. Die Stadt, tagsüber kaum mehr als eine Ladenmeile, verwandelt sich bei Einbruch der Dunkelheit in eine Techno-Kirmes. Auch Lamai, der zweitschönste Strand und die zweitgrößte Ansammlung von Beach Resorts, wird abends von Bierfreunden aller Nationen bevölkert. Wenn die Dorfmeile ihr Neon-Makeup auflegt, wird man den Breitwandbildschirmen mit MTV und den neuesten Hollywood-Produktionen so wenig entgehen wie in der Khao San Road in Bangkok.

Das Horizontalgewerbe floriert. Wer an den falschen Stellen landet, glaubt, die Insel sei in der Hand von Mannies und Heinzies in Adiletten. Für Thais und ihr vorurteilsloses Lebensprinzip des sanuk (was so viel wie Spaß und Wohlergehen bedeutet) ist das kein Problem. Ruhe suchende Europäer sehen das anders.

Damit wären die Schattenseiten aber auch schon abgehakt. Traveller-Fundis stöhnen darüber, dass man kaum noch eine Bambushütte für fünf Mark findet.

Aber die Zeiten, als Berichte von thailändischen Inseln noch klangen, als kämen sie vom äußersten Rand der Welt, sind unwiderruflich vorbei. Auf die Illusion, meinen Fuß als Erster in ein unentdecktes Paradies zu setzen, kann ich also verzichten. Genügt nicht auch diese nahezu gefahrlose Exotik, ohne nennenswerte Krankheiten oder Kriminalität? Gerade die entwickelte Infrastruktur bringt schließlich auch den Thais Geld in die Kasse. Ich bekenne mich daher zu Cocktails und Klimaanlage. Wer einmal gesehen hat, wie gepiercte Ziegenbartträger eine alte Obstverkäuferin um 20 Pfennig herunterhandeln, wird verstehen.