Bernd Lindecke weiß es aus eigener Erfahrung: Werkzeugmacher ist ein Traumberuf. Der Job verbindet handwerkliches Können mit der Arbeit an modernsten Computeranlagen. Man ist, zumindest momentan, von den Arbeitgebern heiß umworben - und kann sich gar selbstständig machen. Schade nur, dass viel zu wenige das wissen. Werkzeugmacher sind gesucht, vom Lehrling bis zum Facharbeiter. "Selbst wenn Sie 20 Leute für mich haben, ich stelle sie alle ein", sagt Lindecke, dessen Betrieb in Bad Salzuflen der Autoindustrie zuliefert. Arbeit gibt es genug: Allein von Daimler-Benz hat Lindecke derzeit Aufträge über 21 Millionen Mark und liefert zusätzlich unter anderem bis nach Japan, zu Honda.

Die Belegschaft arbeitet zusätzlich jeden zweiten Sonnabend und macht somit reichlich Überstunden. "Das ist natürlich auf Dauer eine Zumutung, auch für die Familien", weiß der Chef. Über das Arbeitsamt sucht Lindecke deshalb bundesweit nach Fachkräften. Bislang ohne Erfolg. Zwar waren offiziell im Jahresdurchschnitt 2000 immer noch 3,9 Millionen Menschen arbeitslos. Doch gleichzeitig gab es bei den Arbeitsämtern knapp 500 000 offene Stellen. Und weil dort nur gut jeder dritte Job gemeldet ist, waren tatsächlich etwa 1,4 Millionen Arbeitsplätze zu vergeben. Immer mehr Stellen bleiben unbesetzt.

Gefragt sind nicht nur Fachkräfte in der Informationstechnik oder Erntehelfer, die sich mit schlecht bezahlter Saisonarbeit begnügen. Auch die Handwerkskammern, in denen mittelständische Unternehmen mit bis zu 20 000 Mitarbeitern organisiert sind, schlagen Alarm. Schon jetzt sei die Situation vielfach heikel, bis 2010 werde sie dramatisch. Wenn Mitarbeiter fehlen, müssen Aufträge abgesagt werden. "Um die Produktivität im Land zu halten"' sagt Dieter Philipp, Präsident vom Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH), "brauchen wir die Zuwanderung von Facharbeitern aus dem Ausland."

In der Bundesanstalt für Arbeit sieht man das anders. Rund 80 Milliarden Mark hat es 1999 gekostet, den Lebensunterhalt der Arbeitslosen zu sichern.

Gerhard Kleinhenz, der das Institut für Arbeitsmarktforschung (IAB) der Bundesanstalt leitet, warnt deshalb vor mehr Zuwanderung zum jetzigen Zeitpunkt. "Das würde die Unternehmen von dem Druck befreien, Arbeitslose einzustellen", sagt er. "Noch können wir inländische Ressourcen erschließen, um die freien Stellen zu besetzen."

Die durchschnittlich 3,9 Millionen Arbeitslosen des vergangenen Jahres waren keine feste Größe. Es gab eine hohe Fluktuation von Menschen, die nur für ein paar Wochen oder Monate gemeldet waren. Knapp 1,4 Millionen Menschen allerdings blieben das ganze Jahr über ohne Job. Ein hoher Anteil hatte keine Ausbildung, mehr als die Hälfte war über 50 Jahre alt - mit vielen Überschneidungen.

Gleich mehrere Strategien könnten dem Mangel an Facharbeitern entgegenwirken: die gezielte Weiterbildung von Menschen, deren Qualifikation nicht ausreicht, Offenheit für ältere Arbeitslose und mehr Ausbildungsplätze für den Nachwuchs. Das sieht auch die Bundesregierung neuerdings so. Bei der nächsten Runde des Bündnisses für Arbeit am 4. März will Bundeskanzler Gerhard Schröder neue Qualifizierungsprogramme für Ältere vereinbaren. Doch Fachkenntnisse allein reichen nicht. Gefordert ist Flexibilität - bei den Arbeitslosen, die eventuell den Beruf oder den Wohnort wechseln müssen, aber auch bei den Arbeitgebern. Kleinhenz: "Die Unternehmen suchen immer nur Olympioniken, und davon gibt es nun mal nicht so viele."