Im 20. Jahrhundert wurde die Welt laut Marinetti um die Schönheit der Geschwindigkeit bereichert. Zu Beginn des 3. Jahrtausends ist dabei eine gereizte Population mit Schlafdefizit herausgekommen. Die Holländerin Hella Jongerius sieht keinen Grund, weshalb die Arbeit am Computer nicht als horizontales Gewerbe praktiziert werden sollte - Software und Weich-Liegen müssen keine Feinde sein. Wer sich um die weitere Verwischung der ohnehin schon vagen Grenzen zwischen Job und Privatsphäre sorgt, sollte den Computer eher als Unterhaltungsmedium, wie Radio oder Fernseher, begreifen.

Umgekehrt erinnert sie daran, dass mitunter auch Entscheidungen von historischer Tragweite unter der Daunendecke ausgebrütet werden - Churchill hat sehr viel im Bett gearbeitet, meint Jongerius.

Hella Jongerius, Bed in Business Eines der Symptome für einen sich anbahnenden Nervenzusammenbruch ist der Glaube an die Wichtigkeit der eigenen Arbeit, schrieb der Philosoph Bertrand Russel, und mit seinem Virtual Office Hightop hat der Amerikaner Joseph Gerrard Boron ein wirksames Gegenmittel geschaffen: Verspielt wie eine Drahtskulptur von Calder, filigran wie ein altmodisch gewundener Blumenständer und feminin wie ein Schminktisch, verweigert sich dieser Arbeitsplatz jeg licher Assoziation an Fron und Last. Poetische E-Mail-Korrespondenzen oder die Buchhaltung eines Floristen kann man sich hier eher vorstellen als ein wissenschaftliches Forschungsprojekt. Ein wenig selbstironisch verweist das kapriziöse Möbel auf seine höchst praktischen Eigenschaften, es kann Gläser und Kaffeetassen und sogar eine Blume halten - eine charmante Geste angesichts der Ökonomie der Mittel.

Joseph Gerrard Boron, Virtual Office Hightop Zum wuchtigen Mahagonischreibtisch für den behäbigen Boss lässt sich kaum ein krasseres Gegenstück denken - das Drift-Design des Amerikaners Brian Alexander ist ein auf Unstetigkeit ausgerichteter Arbeitsplatz: Dieses nomadische Büro ist schneller aufgebaut als ein Zelt am Strand, und das als Arbeitsfläche und Stuhl zugleich fungierende Dreirad ist ein ideales Vehikel für die Flucht in die Arbeit. Eine effiziente Ungemütlichkeit geht auch von den Stellwänden aus, in denen zu erledigende Projekte mahnend aufgestellt sind, statt sich höflich unter Stapeln zu verstecken - hier ist man von seinen Unterlassungssünden umringt. Das (unlenkbare!) Gefährt will vielleicht mit seiner Kindersprache von der Realität ablenken, doch es gibt keinen Zweifel: Hier geht es um Arbeit.

Brian Alexander, Drift Ayse Birsel gibt zu, dass sich der Red Rocket Desk zwar nicht als Handgepäck im Flugzeug verstauen lässt, man ihn aber als handliches Paket verschicken und innerhalb von 15 Minuten aufbauen kann. Das an eine futuristische Tankstelle der fünfziger Jahre erinnernde Dach und die angedeutete Wand definieren die Privatsphäre eher symbolisch: Ich stelle mir diese kreativen Kids vor, die sich mit ihrer Energie anstecken, so ein Büro hätte dann eine Atmosphäre wie die Grand Central Station. Auch dem Büro steckt die Ungeduld in den Knochen: Zum Kochen, zum Lesen und für die Familie sollte man sich Zeit nehmen - mit dem Auf- und Abbau des mobilen Arbeitsplatzes mehr als ein paar Minuten zu verschwenden widerspricht dem Lustprinzip.

Ayse Birsel, Red Rocket Desk Die hyperfromme Arbeitsmoral der Amerikaner, die mit durchschnittlich 2000 Stunden pro Jahr und Mensch die fleißigste Bevölkerung der Erde stellen, rückt Religiöses in die Nähe des Schreibtisches. Die Physikerin Margaret Wertheimer wagt sogar die These, dass der Cyberspace uns den im 17.

Jahrhundert verlorenen Himmel ersetzt: Seit die mechanistische Philosophie die Welt als Maschine definierte, waren die Geister und Seelen, die früher in der großen geistigen Hierarchie ihren festen Platz okkupierten, heimatlos - bis zur Erschließung des Internet. Dessen Erkundung macht Teppo Asikainenen mit seinem Netsurfer zu einer leichten Sache: In völliger Hingabe an eine Liege ist man sich der blutigen Masse unserer organischen Materie (wie sich Puristen der virtuellen Welt ausdrücken) kaum noch bewusst.