Wenn es doch so einfach wäre. Zur Erinnerung: Über einen Monat hatten die Vereinigten Staaten im vergangenen Winter über den Ausgang der Präsidentschaftswahl gestritten. Vizepräsident Al Gore hatte zwar die Mehrheit der Wählerstimmen errungen. In dem entscheidenden Bundesstaat Florida lagen die beiden Konkurrenten jedoch nur wenige Stimmen auseinander - und Bush führte mit hauchdünnem Vorsprung. Die Gore-Kampagne bestand daher auf die erneute Auszählung von Stimmbezirken, die Bush-Leute wollten dies verhindern. Schließlich kam es zu einem zähen Streit vor Gericht. Erst im Dezember beendete das Oberste Gericht die Auseinandersetzung, stoppte alle weiteren Nachzählungen und erklärte damit Bush de facto zum Sieger.

Die juristische Auseinandersetzung hatte damit ein endgültiges Ende, die politische jedoch nur ein vorläufiges. Denn obwohl Bush für die kommenden vier Jahre den Amtseid als Präsident geschworen hat, bleiben natürlich Zweifel an seiner politischen Legitimität. Die These, dass er das Weiße Haus quasi usurpiert hat, erfreut sich unter der amerikanischen Linken großer Beliebtheit.

In Florida können fast alle staatlichen Unterlagen von den Bürgern eingesehen werden, also auch Stimmzettel. So war schon beim Amtsantritt von Bush klar, dass das Zählen noch kein Ende hatte. Es war nur eine Frage der Zeit, wann private Untersuchungen das wirkliche Ergebnis der Wahl ergründen würden. Zwei Medienkonsortien und einige kleinere Zeitungen machten sich an die Arbeit, die Knight Ridder Zeitungsgruppe hat diese Woche beim Kampf um die Schlagzeilen gewonnen. Mit ihrem vorläufigen Ergebnis konnte die Gruppe, zu der unter anderem die Tageszeitung USA Today gehört, Präsident Bush kurz vor dessen erster Rede im Kongress ein kleines Geschenk machen.

Wie viel das private Zählergebnis jedoch über den wirklichen Willen der Bürger aussagt, ist zweifelhaft. Bislang ließ die Zeitungsgruppe nur in Miami-Dade nachzählen. Auf diesem Wahlbezirk ruhten zwar bis zum Stopp durch das Verfassungsgericht die größten Hoffnungen der Demokraten, Bush in Florida noch einzuholen. Dennoch repräsentiert dieses Ergebnis natürlich keineswegs den "wahren" Ausgang der Wahl. Um den zu ermitteln, müssen nicht nur die Stimmen in allen 67 Bezirken Floridas nachgezählt werden. (Das kann laut Aussage der Zeitungen noch mehrere Wochen dauern.) Es reicht dann auch nicht, nur die sogenannten undervotes von Hand nachzuzählen - Stimmzettel, auf denen der Computer keine Stimmabgabe erkennen konnte. Seriöse Untersuchungen müssten alle ungültigen Wahlscheine prüfen. Das aber war den Knight Ridder Blättern wohl zu aufwändig. Zudem würde eine solche Untersuchung Tür und Tor für widersprüchliche Ergebnisse öffnen. Wie ist beispielsweise ein Wahlschein mit einem Stanzloch bei Gore und einer Ritze bei Bush zu interpretieren? Die Mühe, dies zu ergründen, macht sich nur die zweite Gruppe, zu der sich CNN, die New York Times, die Washington Post und andere Medien zusammengeschlossen haben. Deren Ergebnisse lassen aber noch auf sich warten.

So bleibt derzeit nur ein Fazit: Wer die amerikanische Präsidentschaftswahl wirklich gewonnen hat, die Antwort auf diese Frage steht noch aus. Sicher ist nur: Es wird noch ein paar Schlagzeilen geben.