Natürlich zeigte sich Catherine nicht – das hätte auch gerade gefehlt. Aber allein, daß ein solcher Versuch gemacht werden konnte, beweist, in wie erschreckender Weise die Beziehungen zwischen dem diesseitigen Leben und der Geisterwelt korrumpiert worden sind. Wahrlich nicht durch Schuld der Gespenster. In einigen Ländern, deren Bewohner noch Respekt vor den Geistern haben, führen diese ihr normales traditionelles Scheinleben ungestört weiter.

Vor nicht allzulanger Zeit habe ich mich davon überzeugen können, daß ein seit Jahrhunderten auf einem schwedischen Gut ansässiges Gespenst zu den festgesetzten Zeiten, nämlich montags und mittwochs von 24 bis 1 Uhr, sein Un- – nein, sein Wesen treibt Es handelt sich um eine Dame, die dereinst vergiftet worden ist, und die nun mit dezenten Worten gebändigten Schmerzes die ruchlose Tat kommentiert. Jeder Gast des Hauses wird in taktvoller Weise auf die Erscheinung aufmerksam gemacht, sobald sich ein Montag beziehungsweise ein Mittwoch nähert, und nie könnte es den kultivierten Besitzern einfallen, an diese Mitteilungen Erklärungen oder gar Entschuldigungen zu knüpfen. Es ist kein Wunder, daß sich das Gespenst in solcher Umgebung wohl fühlt.

Das war anders bei jenem südschwedischen Geistlichen, der vor fünfzehn Jahren in Skandinavien eine Sensation hervorrief. Der Betreffende, ein sympathischer schlichter Landpfarrer, bat um seine Versetzung, weil er es in seinem Haus nicht mehr aushielt. In jeder Nacht um 24 Uhr entstand in den Bodenräumen wüster Lärm; Möbelstücke – die in der Realität nicht vorhanden waren – wurden an die Wände geschleudert, Schreie ertönten, Türen wurden geöffnet und zugeschlagen. Der Pfarrer, mit dem wir einen angenehmen Abend verlebten, beging nun bei seinen Bemühungen, dem Wirrwarr zu entfliehen, einen schweren Fehler: Er führte einen Zweifrontenkrieg. Auf der einen Seite polemisierte er erregt gegen die schwedischen Zeitungen, die Reporter mit Wolfshunden in den Ort geschickt hatte. Die Presseleute schlichen sich nachts auf den Boden, verbrachten ein paar Stunden mit Whisky-Trinken und verfaßten am nächsten Morgen humoristische Darstellungen. Auf der anderen Seite stieß der Pfarrer grobe Beschimpfungen gegen das Gespenst aus, an dessen Existenz er mit gutem Recht nicht zweifelte. An dem Abend, den wir zusammen verbrachten, hatten wir eine Kamera mit Fernauslöser und Blitzlicht auf dem Boden montiert. Wir saßen unten in dem großen gemütlichen Arbeitszimmer des Hausherrn und tranken ein Glas Wein. Als kurz nach 12 Uhr nachts über uns schwere Gegenstände in Bewegung gerieten, knipsten wir, und dann tranken wir noch ein Glas. Um unsere Landsleute an diesem Erlebnis so schnell wie möglich teilnehmen zu lassen, schickten wir den Film – nicht entwickelt – mit Luftpost nach Berlin. Dort ist er nie angekommen. Jedenfalls gehörte der südschwedische Geist zweifellos zu der Kategorie der unangenehmen Gespenster. Nun darf man nicht vergessen, daß der Charakter aller Geister infolge der dreisten, ja schamlosen Art, in der sich die Lebenden, unter ihnen vor allem die Naturwissenschaftler, mit ihnen beschäftigt haben, gelitten hat. Oscar Wilde hat in seinem berühmten "Gespenst von Canterville" berichtet, wie die Kinder des amerikanischen Gesandten in dem alten englischen Gespensterschloß hausten, wie sie ein betagtes würdiges britisches Gespenst piesackten und mitleidlos schikanierten. Schlimmer als solche Streiche – es waren schließlich nur Kinder – sind die wissenschaftlichen Attacken, die in den letzten siebzig bis achtzig Jahren gegen die Geisterwelt geritten worden sind. Es muß in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen werden, daß die Gespenster im allgemeinen nichts einzuwenden haben, wenn die Ausgelassenen oder gar Bösartigen unter ihnen mit dem Rüstzeug der modernen Wissenschaft gezüchtigt werden. Was jedoch so starke Verstimmung hervorgerufen hat – und wir möchten hinzufügen mit vollem Recht –, ist der naive Anspruch der Wissenschaft, feststellen zu wollen, ob es überhaupt so etwas wie eine Geisterwelt gibt. Daß einige der jüngeren Gespenster daraufhin die Kontrolleure hier und da mit Ohrfeigen und Fußtritten traktieren, ist nun wirklich nicht sehr wunderbar …

Unter Benutzung englischer Quellen, unter anderem des vorzüglichen Standardwerks aus der Feder von Lord Halifax – Außenminister in der Regierung Chamberlain – hat Walter Gerteis bemerkenswerte statistische Erhebungen veröffentlicht. Danach gibt es in England 1700 Gebäude, in denen es nachweisbar spukt. 15 v. H. der Geister sind durchsichtig, die meisten anderen treten als dicker Nebel auf. 50 v. H. der Gespenster verschwinden durch die Wand, 21 v. H. versinken im Boden. Die übrigen lösen sich einfach in der Luft auf. Der Verfasser bestätigt unsere Feststellung, daß sich die Geister trotz wachsender Irritierung über die Albernheiten der Lebenden im allgemeinen schicklich aufführen. Soweit sie überhaupt sichtbar werden, gleiten sie still durch lange Korridore, ringen stumm die Hände, blicken melancholisch in die Ferne oder stellen sich an die Betten und winken. In Mannington Hall stellte sich ein Gespenst nachts an den Schreibtisch und besah sich die Bücher.

Übereinstimmend wird berichtet, daß der Auftritt der Geister mit einer plötzlichen Kältewelle verbunden ist, gegen die jeder englische Kamin ja selbst ein kontinentaler Ofen machtlos ist. Als Kuriosität sei auf die Existenz eine brasilianischen Geistes hingewiesen, der den Besuchsraum mit Rosenduft zu erfüllen pflegt; nach den Aussagen brasilianischer Gelehrter zeigt er unverkennbar die Gesichtszüge eines verstorbenen hohen kirchlichen Beamten.