Im langsamen Satz von Beethovens viertem Klavierkonzert, Andante con moto, kann man den Urkünstler Orpheus hören, wie er die finsteren Mächte der Unterwelt besänftigt. So hat sich zumindest Robert Schumann, der Romantiker, die 72 Takte vorgestellt. Harsch und feindselig, in bedrohlicher Einstimmigkeit setzt das Orchester ein, und der Klaviersolist antwortet ganz leise, ruhig und bestimmt mit einer anrührenden, fein ausgesponnenen Melodie. Das Wechselspiel wiederholt sich, es entsteht ein spannungsgeladener Dialog: hier die rüde Abweisung, dort die sanfte, unbeirrbare Gegenrede. Bis der Widerstand des Orchesters schwindet. Die dreinfahrenden Gesten werden kürzer, schwächen sich ab, klingen aus in einem milden Pianissimo. Ein magisch schöner Übergang führt Orchester und Soloinstrument zusammen zu einem in Harmonie schier überfließenden Rondo.

Die Beethoven-Experten haben aus diesem langsamen Satz das Wirken von Kants kategorischem Imperativ herausgehört, die moralische Kraft des aufgeklärten Individuums, den läuternden Einspruch des Einzelnen gegen die Grobheiten der Gesellschaft. Das Besondere aber ist, dass die Überzeugungskraft ganz aus dem Leisen erwächst, aus dem behutsam Insistierenden, mit dem man in der Musik so unendlich viel bewirken kann.

Claudio Abbado und die Berliner Philharmoniker haben gerade mit rauschendem Erfolg in Rom und Wien einen Beethoven-Zyklus gegeben mit allen neun Symphonien und den fünf Klavierkonzerten. Und die Stimme, die aus dem Andante con moto des vierten Klavierkonzerts spricht, trifft sehr viel von dem, was Abbados Selbstverständnis und Erfolgsrezept als Musiker ausmacht: Er gehört zum sanft argumentierenden Typus der Dirigentenzunft. Er schöpft seine Durchsetzungskraft aus der leisen Unbeirrbarkeit und vertraut dabei auf den mündigen Musiker im Orchesterkollektiv.

Abbado ist der Antityp eines Pultdespoten, und seine behutsam überredende Art hat gesiegt: Wie Beethoven sein Stück in eine harmonische, gelöste Rondo-Atmosphäre münden lässt, so haben seit einiger Zeit auch die Berliner Philharmoniker und ihr Chefdirigent zu einer traumseligen Übereinkunft gefunden. Alle unterschwelligen Spannungen scheinen gelöst. In jedem Konzert kann man hören, wie unbedingt das gemeinsame Kunstwollen ist, wie nahe sich Dirigent und Musiker sind, wie intensiv sie aufeinander eingehen. An der Philharmonie werden jetzt die Früchte der zwölfjährigen Zusammenarbeit geerntet. Die Berliner Ära Abbado steht musikalisch in ihrem Zenit.

Obwohl sie doch bereits vor zwei Jahren ihren entscheidenden Knacks erhalten hat. Da gab der Chefdirigent aus heiterem Himmel bekannt, dass er sich vom begehrtesten Posten des klassischen Musikbetriebs wieder verabschieden und seinen im Jahr 2002 auslaufenden Vertrag nicht mehr verlängern werde - mit der Begründung, er wolle mehr Zeit für sich selbst haben, zum Lesen oder fürs Segeln. Eine Entscheidung, die verstört hat. Bis heute hat Abbado sich nicht in sein Herz blicken lassen, ob der Entschluss nicht auch Ausdruck einer Entfremdung vom Orchester war. Viele befürchteten, dass sich nach der Rückzugsankündigung die letzen vier Jahre nur noch als ein bleierner Abschied auf Raten hinziehen würden. Aber das Gegenteil ist geschehen: Die Zusammenarbeit zwischen Abbado und seinem Orchester hat kontinuierlich an Intensität und Ausdrucksdichte gewonnen, als könne man die überschaubare, verbleibende Zeit nun unbelasteter nutzen, als setze das näher rückende Ende zusätzliche Konzentration und Kräfte frei.

Seine wortkargen Proben sind Legende

Der gemeinsame Tristan vor zwei Jahren bei den Salzburger Osterfestspielen (Abbado hatte zuvor mit einer einzigen Lohengrin-Ausnahme jahrzehntelang um Wagner einen großen Bogen gemacht) geriet in seiner reifen und suggestiv-tiefgründigen Ausdeutung zu einer neuen Qualitätsebene des musikalischen Zusammenwirkens. Der neue komplette Zyklus der Beethoven-Symphonien ist ausgereift und bezwingend bis in den letzten Übergang hinein durchgearbeitet. Die Aufführung des Verdi-Requiems vor vier Wochen in der Philharmonie war ein ergreifendes Ereignis.