Heiner Geißler, 70, gehört zu den Querdenkern in der CDU und formte die Partei in seiner Amtszeit als Generalsekretär (1977-1989) zur modernen Programmpartei. Der promovierte Jurist, der bei den Jesuiten Philosophie studierte, profilierte sich als Sozialpolitiker. 1967-1977 war er Jugend- und Sozialminister in Rheinland-Pfalz, 1982-1985 Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit. In der Spendenaffäre machte der Bundestagsabgeordenete für die Südpfalz mit seiner Kritik an Kohl wieder von sich reden

Ich war sieben Jahre alt, als mein bester Freund Kajetan plötzlich verschwand. Meine Eltern sagten nur: "Sie haben ihn mitgenommen." Kajetan war ein Zigeunerjunge. Er hatte drei schöne Schwestern, eine etwas korpulente Mutter und einen Ehrfurcht gebietenden Vater. Es war 1937, wir gingen zusammen in die erste Klasse an einer katholischen Schule in Ravensburg und, als diese geschlossen wurde, auf eine "Deutsche Schule". Wir wollten wieder nebeneinander sitzen, doch Kajetan musste in die letzte Bank. Ich protestierte, schimpfte und schrie - verhindern konnte ich es nicht. Dann war er weg. Die Erinnerung ließ mich nicht los. Später stellte ich Nachforschungen an und traf Kajetan Reinhardt 1985 bei einer Messe für Sinti und Roma im Speyerer Dom. Er wirkte durch die Vergangenheit erschöpft, seine Familie war in Auschwitz-Birkenau umgekommen.

Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zieht sich wie ein roter Faden durch meine Kindheit. Wir eckten wegen unseres Glaubens an. Meine Mutter schubste aufgebracht den Ortsgruppenleiter die Treppe runter, der sich darüber beschwert hatte, dass sie meine Geschwister an der Fronleichnamsprozession teilnehmen ließ. Wohl weil wir eine Familie mit fünf Kindern waren, passierte in der Folge nichts Gravierendes. Es blieb bei Schikanen. Mein Vater, ein Oberregierungsrat und katholischer Zentrumspolitiker, wurde wieder strafversetzt - dieses Mal nach Tuttlingen.

Wo wir auch hinzogen - überall ging das Theater von neuem los. Ich erinnere mich gut an die Weihnachtsfeier des Jungvolks 1940; wir lebten gerade in Hannover. Der Fähnleinführer rief in die Runde: "Wer katholisch ist, soll aufstehen." Er war mir nicht geheuer, doch Sitzenbleiben schied aus. Als Ministrant wollte ich Flagge zeigen, und mir schossen die vielen Heiligenlegenden durch den Kopf, die ich gelesen hatte. Viele wurden als Märtyrer verbrannt, was mir nicht gefiel, aber imponierte: Lieber wollte ich sterben als leugnen. Ich war der Einzige, der aufstand. Der Fähnleinführer spottete und höhnte, wie ein deutscher Junge solchen Quatsch glauben und katholisch sein könne. Ich erinnere, wie ich tief bekümmert nach Hause gegangen bin, das Gejohle und Geschrei der anderen in den Ohren. Ein paar Tage später habe ich den Fähnleinführer auf dem Schulweg abgepasst und verprügelt. Ich war sportlich und körperlich den meisten überlegen. Gesinnungsterror konnte ich auch später in der Politik nie leiden.

Nach Kriegsende zogen wir von Oberndorf, wo wir die letzten Kriegsjahre verbracht hatten, nach Spaichingen. Hier entwickelte ich ein romantisches Verhältnis zum Missionarsleben. Ich ging oft zur Messe ins Claretinerkloster auf den Dreifaltigkeitsberg und sprach mit den Patres, die von ihrer Arbeit in Spanien und Brasilien erzählten. Ihr Leben reizte mich. Weil man in Spaichingen nur die Mittlere Reife und kein Abitur machen konnte, musste ich ohnehin die Schule wechseln. Das nächste Gymnasium war in Rottweil, doch die Aussicht auf eine Klosterschule gefiel mir besser. Meine Eltern ließen mich auf das Jesuiten-Kolleg in Sankt-Blasien, das war 1946.

Das Internat wurde meine zweite Heimat, ich habe nur beste Erinnerungen daran. Vorher plagte und interessierte mich Schule nicht, nun fand ich Freude am Lernen. Das lag an den Lehrern, sie waren hervorragende Pädagogen. Unser Mathematiklehrer ließ uns die Aufgaben entwickeln, half und erklärte Zusammenhänge. Ich wurde ein hervorragender Mathe-Schüler und schrieb das beste Abitur meines Jahrgangs.

Was ich aber in Sankt Blasien vor allem lernte, waren Selbstdisziplin und soziale Verantwortung: Wir lasen in Krankenhaus und Kurklinik Patienten vor, unterhielten sie durch Theaterspiel oder halfen Jesuitenbrüdern bei der Kartoffelernte. Ich las viel über die Missionsgeschichte des Ordens und die Verunglimpfung der Mitglieder in manchen Ländern und Zeiten. Mir ging's weniger ums Priesteramt. Ich wollte Jesuit werden, um die Welt zu verbessern.