Benedetto Spera, wegen mafioser Mordtaten zu zweimal "lebenslänglich" verurteilt, danach abgetaucht, für die Fahnder spurlos verschwunden, weiß, dass er in die Krankenversicherung der "Ehrenwerten Gesellschaft" Vertrauen haben kann. Klandestine Kliniken, verschwiegenes Krankenhauspersonal, der Omertà - der Schweigepflicht der Mafia - verpflichtete Ärzte stehen für jeden Ernstfall bereit. Alles keine Schwierigkeit.

Auch auf den professore ist Verlass. Eine Koryphäe. Zwei Mafiagenerationen schon verdanken Doktor Di Noto seinen medizinischen Beistand. Nur - wo bleibt der Arzt heute? Wollte doch kommen. Und die Ergebnisse der Blut- und Urinproben mitbringen.

Das Versteck des Mafiabosses ist ein einsam gelegener Bauernhof bei Mezzojuso, 40 Kilometer von Palermo entfernt. Hier, zwischen Weinfässern und gestapeltem Schafskäse, zwischen Lämmern und Ziegen in einem Schlafraum, dessen Wände mit Heiligenbildchen tapeziert sind, hat Benedetto Spera seinen Unterschlupf gefunden. Neun Jahre schon lebt er bei dem Bauern Nicolò, der sich um Tiere und Ställe kümmert, derweil der Mafioso am Reisigfeuer über die Vergabe millionenschwerer öffentlicher Gelder brütet, über staatliche und kommunale Investitionen, bei denen es für die Mafia gilt, mitzumischen und dabei kräftig abzusahnen.

Il pecoraio, den Schafhirten, nennen ihn alle in der Gegend, ohne etwas von den Managerfähigkeiten dieses Eremiten zu ahnen, von dessen fein gesponnenem Netz, das alle Familienclans der Cosa Nostra auf Sizilien verbindet. Er gilt als die rechte Hand des legendären Superbosses Bernardo Provenzano, nach dem Interpol schon seit 38 Jahren vergeblich fahndet. Doch nun hat der Schafhirte ein Problem mit der Prostata, hockt bekümmert im Stall und wartet dringend auf seinen Arzt mit den neuesten Analysen.

Nur wenige Augenblicke nachdem Professor Vincenzo Di Noto mit seinem Auto in den Hof des Bauerngehöftes eingebogen ist, erfüllt ungewohnter Lärm die Einsiedelei. Polizeihubschrauber kreisen plötzlich über dem Anwesen, ein Dutzend Streifenwagen mit Blaulicht sind angerückt. Sondereinheiten in Tarnkappen mit Sehschlitzen und mit Maschinenpistolen im Anschlag stürmen in den Hof. Am Ende der Blitzaktion klettern drei Männer in Handschellen in die grüne Minna. Der Mafiaboss, der Bauer, der Arzt. Schon seit Monaten war der Arzt beschattet worden, weil für die Fahnder feststand: Vom Morbus bedrohte Mafiabosse würden mit größter Wahrscheinlichkeit nach Professor Vincenzo Di Noto schicken. Nach dem Vertrauensarzt der Mafia. Der in der "Ehrenwerten Gesellschaft" hoch geschätzte Facharzt für innere Krankheiten ist das jüngste Beispiel für die Verquickung mafioser Macht mit Exponenten aus der Ärzteschaft, mit der Medizin und dem staatlichen Gesundheitswesen. Diese Allianz hat auf Sizilien eine lange Tradition.

Bis zu seiner Pensionierung war der heute 70-jährige Di Noto Direktor des städtischen Krankenhauses in Palermo, dem Ospedale Civico, gewesen. Der Cosa Nostra offensichtlich wohl gesinnt, arrangierte er für drei Chefmafiosi aus den Clans Brusca, Porcelli und Capizzi die Verlegung aus düsterem Kerker ins lichte Krankenhaus, manchmal gleich für ein ganzes Jahr. Durch Verordnung extrem langer Liegezeiten mit strikter Bettruhe ließen sich Verfahrenstermine bei Gericht überschreiten, bis die Prozesse schließlich platzten. Wie von den Toten auferstanden und mit Tränen höchster Rührung in den Augen verließ Bernardo Brusca ("Der Patriarch") die Klinik. Grazie, professore! Ein legendärer Medizinmann der "Ehrenwerten" war auch Michele Navarra. Er begann als Gemeindearzt und stieg zum capo assoluto im Mafianest Corleone auf, wo er unter anderem Direktor des Krankenhauses Dei Bianchi, Krankenversicherungsinspektor, Vertrauensarzt der staatlichen Eisenbahn und Ortsvorsitzender der christdemokratischen Partei wurde.

50 000 Mark und ein Alfa als Arzthonorar